Online-Plattform für betreuende und pflegende Angehörige

Prof. Dr. Iren Bischofberger im Interview in «10 vor 10» vom 24.10.16

In der Schweiz leben rund 330'000 Personen im Erwerbsalter, die regelmässig Familienmitglieder pflegen. Für sie gilt: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Ein Beitrag in «10 vor 10» vom 24.10.16 widment sich dem Spagat, den Angehörige leisten, um Erwerbsarbeit und Angehörigenpflege unter einen Hut zu bringen. Als Expertin nimmt Prof. Dr. Iren Bischofberger (Careum Forschung) Stellung zur Situation in der Schweiz und der Verantwortung von Arbeitgebenden und -nehmenden. Tipps und Hilfestellung für Betroffene bietet ab heute die neue Internet-Plattform www.info-workcare.ch von Travail.Suisse.

Die bessere Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege stand im Zentrum der Berichterstattung «10 vor 10». (Den gut fünfminütigen Beitrag sehen Sie hier.) Betroffen sind überwiegend Frauen im fortgeschrittenen Erwerbsalter. Gutqualifizierte Arbeitnehmerinnen werden durch diese  Doppelbelastung teilweise zur Jobaufgabe gezwungen. Der Bundesrat sieht hier Handlungsbedarf und lanciert verschiedene Massnahmen, um Angehörige zu unterstützen. Geprüft wird, wie die Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Erwerbstätigkeit zusätzlich gefördert werden kann (Aktionsplan vom 05.12.14).

Job und Angehörigenpflege

So wie jede Krankheit individuell verläuft, benötigt auch jede Betreuung und Pflege individuelle Lösungen. In der Schweiz bieten vor allem grössere Arbeitgeber bereits individuelle Lösungen an, wie Mitarbeitende Angehörige betreuen und pflegen können – auch, um als Arbeitsplatz für Fachkräfte attraktiv zu bleiben. Dies geschieht z.B. über flexible Arbeitszeiten, Teilzeit und in intensiven Phasen auch über bewilligte Auszeiten.

Prof. Dr. Iren Bischofberger, Programmleiterin «work & care» Careum Forschung, Forschungsinstitut Kalaidos FH Gesundheit, sieht die Verantwortung auf beiden Seiten: Es brauche Vorgesetzte oder Personalverantwortliche, die mit solchen Situationen vertraut sind, die situativ mithelfen, Lösungen zu suchen oder Ideen zu entwickeln. Auf der anderen Seite müssen auch die Mitarbeitenden selbst die Verantwortung übernehmen. "Lange schweigen und plötzlich explodiert die Situation, das ist natürlich auch verkehrt!" Sie betont, dass es klarere Regeln brauche. Starre Modelle wie Betreuungsurlaub fänden im Moment keine politischen Mehrheiten, reichten aber auch nicht aus. Eine staatliche Anerkennung des Problems und eine finanzielle Abgeltung der Angehörigen seien aber nötig. Natürlich brauche es Spitex, Angehörige und Nachbarn. Aber dass gerade diese Netze jahrelang halten, das koste. Es sei nicht fair gegenüber denen, in die man zuerst investiert, auf Staatskosten, in den Spitälern und auf Krankenversicherungskosten. "Da kann man nicht die Augen verschliessen und sagen: Jetzt macht das alles selber!"

Neue Online-Plattform info-workcare.ch

Ab heute ist die erste nationale Online-Plattform http://www.info-workcare.ch. von Travail.Suisse online. Sie vermittelt betroffenen Angehörigen Hilfe, Tipps oder weiterführende Adressen. Die Video-Testimonials von betreuenden und pflegenden Angehörigen wurden von Careum Forschung (Programm «work & care», Karin van Holten) realisiert.

In den letzten zehn Jahren konnte Careum Forschung mit dem Programm «work & care» in der Schweiz einige Diskussionen anstossen, sowohl in der Wirtschaft, der Politik und im Gesundheitswesen. Dies wird auch die zukünftige Aufgabe sein, da das Thema noch breiter wahrgenommen werden muss. Denn: Angesichts der demographischen Entwicklung werden Vorgesetzte, Personalverantwortliche und Mitarbeitende früher oder später damit konfrontiert werden.

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