Grenzüberschreitende Langzeitversorgung

3. Internationales Symposium «Transnational Aging – Long-term Care for the Elderly Across Borders».

 

Am 6./7. Oktober fand in Mainz das 3. Internationale Symposium «Transnational Aging – Long-term Care for the Elderly Across Borders» statt. Das Institut TRANSSOS lud zur Diskussion über grenzüberschreitende Versorgung von älteren Menschen ein. Auch Careum Forschung war vertreten (Heidi Kaspar, Karin van Holten). Klar wurde: Transnationale Pflege und Sorge hat viele Gesichter und betrifft immer mehr Menschen. Einige Eindrücke.

Nach Thailand ins Altersheim

Die Langzeitpflege und -betreuung älterer Menschen ist grenzüberschreitend, wenn sie in ein anderes Land auswandern, mit der Absicht, dort bessere und/oder kostengünstigere Betreuung zu erhalten. Medien verbreiten Berichte über Menschen mit Demenz und anderen chronischen Krankheiten, die nach Osteuropa oder Thailand auswandern. Dieses Phänomen wird jedoch gemäss einem Forschungsteam der Universität Mainz (Désirée Bender, Tina Hollstein, Sonja Großmann, Vincent Horn, Cornelia Schweppe) weit überschätzt. Zudem: Wer nach Thailand auswandert, hat in der Regel bereits zuvor persönliche oder geschäftliche Beziehungen dorthin gepflegt. Beide Vorträge zeigten deutlich, dass sich Legitimations- und Marketingstrategien von auf Ausländer/innen spezialisierten Altersheimen in Polen resp. Thailand stark an Defiziten hiesiger Angebote orientieren. Beispielsweise wird die Betreuung als «qualitativ besser» vermarktet, weil Betreuende mehr Zeit für die älteren Menschen hätten.

Care Migrantinnen aus Osteuropa

Die Langzeitpflege und -betreuung wird auch dann grenzüberschreitend genannt, wenn Arbeitskräfte zur Betreuung und Pflege einwandern. Dies ist der Fall bei der 24-Stunden-Betreuung durch Frauen zumeist aus Osteuropa, die zunehmend auch in schweizerischen Haushalten arbeiten und wohnen. Diese Frauen kümmern sich – oft ohne fachliche Qualifikation, aber meist mit viel Hingabe – um ältere Menschen. Dieser Thematik widmeten sich je ein Beitrag zur Situation in Spanien und Italien sowie zwei Beiträge zur Lage in der Schweiz – einer davon präsentiert durch Heidi Kaspar und Karin van Holten (Careum Forschung, Forschungsinstitut der Kalaidos FH Gesundheit) mit Eva Soom Ammann (Berner Fachhochschule).
Der Beitrag zeigt auf, was Angehörige dazu bewegt, Migrantinnen aus Osteuropa als Live-in-Betreuerinnen anzustellen: Viel wichtiger als die Art und Weise der Betreuung und Pflege ist den Angehörigen der Ort der Betreuung und Pflege, konkret: dass diese im gewohnten Zuhause stattfinden kann. Diese Prioritätensetzung verschiebt sich auch nicht, wenn zentrale Aspekte durch das eingegangene Betreuungsarrangement ‹kompromittiert› werden. So verändert sich das Zuhause, wenn eine zu Beginn fremde Person im Haushalt wohnt. Das Gefühl von Fremdheit verstärkt sich, wenn die Betreuerin ihre Vorstellungen von gesunder Ernährung durchzusetzen versucht (weil sie ihre Arbeit gut machen möchte), diese aber nicht den Vorlieben und Gewohnheiten der betreuten Person entspricht. Oder wenn die Verständigung schwierig ist, weil die Betreuerin kaum Deutsch spricht. Daher finden von beiden Seiten auch Bemühungen statt, Vertrautheit wieder herzustellen. Dies bedingt Anpassungsleistungen von allen Seiten, der Betreuerin, der betreuten Person, den Familienangehörigen und involvierten weiteren Dienstleistern wie Spitex und Hausärztin.

Gesundheitsversorgung über räumliche Distanzen hinweg

Weiter ist Langzeitversorgung grenzüberschreitend, wenn Angehörige im Ausland leben und trotz geografischer Distanz in die Betreuung involviert sind. Sie nehmen durch regelmässiges Nachfragen Anteil oder koordinieren die Betreuung aus der Ferne. Christine Milligan (Lancaster University, UK) erörterte Telecare – 24h-Services, die durch Notrufsysteme in Privathaushalten ‹Care at a distance› versprechen. Sie zeigte an empirischen Beispielen, wie in den Telefonzentralen unverzichtbare Betreuungsarbeit geleistet wird, die emotional äusserst anspruchsvoll ist. Zudem belegte sie eindrücklich, dass auch hoch-moderne Telecare-Systeme – eigentlich angepriesen für Menschen ohne robuste soziale Netzwerke – letztlich nicht ohne konventionelle zwischenmenschliche Beziehungen wie z.B. Nachbarschaftshilfe auskommen. Das Symposium machte sehr deutlich, wie sehr Forschung zu einer sinn- und qualitätvollen Gestaltung transnationaler Pflege- und Sorgetätigkeit beitragen kann. Careum Forschung engagiert sich hier gleich mehrfach.

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