Nurse Practitioner: Das amerikanische Modell

Klinische Pflegeexperten/innen in den USA und in der Schweiz

MaryJo Vetter

In den USA ist die Berufsgruppe der Nurse Practitioners (NP) – oder in der deutschen Übersetzung klinische Pflegeexperten/innen – eine fest verankerte Säule in der Gesundheitsversorgung. Die an Hochschulen klinisch ausgebildeten Pflegefachpersonen übernehmen anspruchsvolle Aufgaben, v.a. bei mehrfach erkrankten Personen mit komplexen Therapieplänen. Für diese vulnerablen Patientengruppen agieren sie proaktiv, um möglichst stabile Versorgungsverläufe zu erreichen, insbesondere um unnötige Spitalaufenthalte zu vermeiden. Sie arbeiten in der Spitex, im Pflegeheim oder im Spital. Diese NP Rolle in den USA präsentierte Prof. Dr. MaryJo Vetter von der New York University in ihrem Vortrag «Nurse Practitioner: Trends in the U.S. and development in Switzerland» am Careum Colloquium vom 14. Juni 2016.

Fünfzig Jahre Tradition in den USA

Die Ausbildung als Nurse Practitioner gibt es in den USA bereits seit fünfzig Jahren. Lange Zeit war der Beruf nicht klar definiert, es fehlten einheitliche Qualitätskriterien und eine einheitliche Anzahl klinischer Stunden in der Ausbildung. Im Jahr 2008 wurde das APRN Consensus Model verabschiedet, das diese Fragen klärte. Unter dem Schirmbegriff „Advanced Practice Registered Nurse“ (APRN) werden als Masterabschlüsse die folgenden 4 Foci verstanden: Nurse Practitioners, Certified Nurse Midwives, Certified Registered Nurse Anesthetists, Clinical Nurse Specialists. Wer gemäss MaryJo Vetter Senior Leadership in unterschiedlichen Bereichen von Pflegeinstitutionen anstrebt, absolviert heute zusätzlich das Doktoratsstudium Doctorat of Nursing Practice (DNP). Bislang ist der Master noch die am häufigsten gewählte Ausbildungsstufe.

Wie arbeiten Nurse Practitioners?

NP‘s arbeiten entweder in eigener Praxis, in Praxisgemeinschaft mit einem Arzt oder einer Ärztin oder werden von diesen supervidiert. Sie begleiten ihre Patienten/innen durch die verschiedenen Lebensphasen, führen die Körperuntersuchung durch, berücksichtigen die psychische Situation, sind auf dem neuesten Forschungsstand, dokumentieren ihre Befunde und Interventionen, kümmern sich um das Medikamentenmanagement, interpretieren diagnostische Tests. Daneben organisieren sie die nötigen Hilfsmittel, z.B. ein Spitalbett, ein Sauerstoffgerät, Blutzuckertests und schauen, dass Grippeimpfungen im Herbst nicht vergessen gehen. All dies verstehen sie nicht als Tätigkeitenliste, sondern als systematisch geschnürtes Bündel von Aufgaben, die ein bestimmtes Ziel verfolgen – die Vermeidung eines Spitalaufenthaltes oder die optimale Rückkehr aus dem Spital nach Hause. Dazu erfassen die NP die gesamte Patientensituation, einschliesslich seines Bildungsniveaus, um z.B. die Medikamentenschulung entsprechend anzupassen, oder die Ernährung bei Herzinsuffizienz zuhause zu gestalten, getragen auch zusammen mit der Ernährungsberatung.

Nurse Practitioners und Ärzte ergänzen sich

Nurse Practitioners sind wichtig in der amerikanischen Gesundheitsversorgung, v.a. seit der Einführung von Obamacare, d.h. dem Affordable Care Act. Denn damit bekamen neu rund 40 Mio. Einwohner/innen Zugang zur Krankenversicherung und somit zur Gesundheitsversorgung. NPs werden von der Bevölkerung mittlerweile gut akzeptiert. Die Zufriedenheit überwiegt. Denn: Nurse Practitioners verbringen in der Regel mehr Zeit mit ihren Patienten/innen, machen eher Folgeuntersuchungen ab, arbeiten kostengünstiger als Ärzte. Sie leisten, gemäss Vetter, «similar outcomes for lower expenses». Konkurrenz zur Ärzteschaft besteht kaum mehr. Im Laufe der vergangenen Jahre konnte durch erfolgreiche Zusammenarbeit gezeigt werden, dass Nurse Practitioners keine Jobs wegnehmen. Man arbeite mit Ärzten zusammen, nicht gegen sie.

Entwicklung in der Schweiz

Prof. Dr. Iren Bischofberger berichtete aus dem Studiengang Master of Science in Nursing (MScN) und dem seit 2015 angebotenen zweiten Schwerpunkt Clinical Excellence. MaryJo Vetter war in dessen Entwicklung eingebunden und wirkt heute als Dozentin und als Mitglied des klinischen Beirats. Diesen neuen Schwerpunkt bietet die Kalaidos Fachhochschule Gesundheit seit 2015 an. Er orientiert sich unter dem Schirmbegriff «Advanced Nursing Practice» am Profil von NPs.

Stefanie Brown, Studentin in diesem MScN-Schwerpunkt und Mitarbeiterin am Kantonsspital Baden, berichtete über ihre eigene Situation als angehende klinische Pflegeexpertin. Es gebe Nurse Practitioners im amerikanischen Sinne nicht, auch keine einheitlich und breit akzeptierte Bezeichnung, keine gesetzliche Regulierung auf Masterstufe und keinen Konsens über die Anzahl klinischer Stunden im Studium. Aber sie kann sehr wohl ihre erworbenen Kenntnisse zum Patientenwohl umsetzen – bereits während des Studiums. Dies zeigt sich v.a. als Mehrwert für die interprofessionelle Zusammenarbeit durch die präzise Kommunikation von klinischen Fakten, die intensive Arbeit an gemeinsamen Behandlungszielen, die proaktiven pflegerischen Interventionen, z.B. indem die Medikamente vor Austritt in einem systematischen Ablauf erläutert werden. Diese und weitere Aktivitäten führen zu einer optimierten Patientenbetreuung. Sie erzählte von ihren praktischen Erfahrungen im Studiengang und über ihre Erfahrungen im Kantonsspital Baden und die Zusammenarbeit mit ihrem ärztlichen Mentor, Prof. Dr. Jürg Beer, dem Chefarzt des Departements Innere Medizin.

Neuer Schwerpunkt Clinical Excellence der Kalaidos Fachhochschule

Die Kalaidos Fachhochschule Gesundheit orientierte sich für den neuen Schwerpunkt Clinical Excellence am international üblichen Umfang von 900 Stunden (30 ECTS-Punkte) für die klinische Ausbildung. Dies umfasst ein Training des klinischen Assessments während 1.5 Jahren, inkl. einem ärztlichen Mentorat. Basierend auf der Körperuntersuchung werden die erhobenen Befunde interpretiert und z.B. mit Labor- und anderen Diagnosedaten abgeglichen. Ebenfalls ist die kontinuierliche Berücksichtigung der Medikamententherapie ein wichtiger Teil der Ausbildung.

Es braucht Pionierarbeit

Einig waren sich die Referentinnen, dass es Zeit braucht, die Rolle der Pflegeexpert/innen in der Öffentlichkeit und der Fachwelt präsenter zu machen und konkret zu umschreiben. Es braucht dazu Pionierstudierende, Pionierfachhochschulen, Pionierärzte und Pionierbetriebe, die den Weg bereiten. Und nicht zuletzt sind gerade Spitex-Organisationen aufgerufen, Mitarbeitende im Bachelor-Studiengang ausbilden zu lassen, um den Nachwuchs an klinischen Pflegeexperten/innen am hauptsächlichen Lebensort der PatientInnen sicherzustellen. Denn: «ohne Bachelor kein Master», so Prof. Dr. Iren Bischofberger.