Gesundheitsstrategie: Kritik und Tipps vom Experten

Die Erfolgsbilanz nach gut 20 Jahren Krankenversicherungsgesetz fällt aus Sicht von Krankenkassenexperte Felix Schneuwly vom Internetvergleichsdienst Comparis sehr durchzogen aus. Ausgerechnet bei der Kostenbegrenzung – schon vor der Einführung das Topargument – ist das Ziel nicht erreicht. Ganz im Gegenteil: Die Gesundheitskosten sind stetig gestiegen, egal mit welchen Mitteln Bundesbern oder die Kantone regulierend eingegriffen haben. Deshalb stellte Felix Schneuwly im Careum Colloquium vom 17. Mai 2018, das knapp 50 Interessierte im Auditorium verfolgten, den Politikern überspitzt ein schlechtes Zeugnis aus: «Sie hätten eigentlich besser unbezahlte Ferien nehmen können, statt Gesundheitspolitik zu betreiben.» Besonders belastend für das Portemonnaie der Versicherten: Die Kosten für medizinische Leistungen zulasten der Grundversicherung wachsen stärker als die Löhne.

Auch das Ziel der transparenten Qualität ist laut Felix Schneuwly längst noch nicht erreicht. Also die Frage, was für Medizin man fürs Geld bekommt. Erfüllt sind bloss die Ziele der Solidarität und des Zugangs zu Medizin. Felix Schneuwly zeigte ausserdem auf, dass Bildung und Lebensumstände die Gesundheit mehr beeinflussen als die Medizin. Die Digitalisierung müsste seiner Meinung nach ansetzen, bevor die Reparaturmedizin zum Einsatz kommt. Etwa bei der Förderung der Gesundheitskompetenz.

Gesundheit 2020 – ein Blindflug ohne messbare Ziele

Bundesrat Alain Berset ist zwar mit viel Elan ins Amt gestartet. Das stritt auch Felix Schneuwly nicht ab. Trotzdem übte er Kritik an der Strategie Gesundheit2020 des Bundes. Ihm fehlt es besonders an messbaren Zielen – mit Ausnahme des Sparziels von 20 Prozent. «Nur sparen geht aber auch nicht.» In Beispielen zeigte der Krankenkassenexperte auf, dass einzelne Strategien – etwa gegen die Antibiotikaresistenz in der Human- und Tiermedizin – zwar sinnvoll sind, man sich aber auf einem Blindflug befindet, wenn man keine messbaren Grössen definiert. Ein Fortschritt lässt sich so nicht messen, eine Bilanz ist nicht möglich. Daneben fehlt Schneuwly das Gleichgewicht zwischen Solidarität und Eigenverantwortung, wenn von 102 Massnahmen etwa nur eine einzige die Bevölkerung betrifft.

Zusätzlich befremdend wirkt für Felix Schneuwly, dass nun ohne Zwischenbilanz zur Strategie Gesundheit2020 noch eine Expertengruppe zur Kostendämpfung eingesetzt wurde. Auch deren 38 Massnahmen zerpflückte der Krankenkassenexperte. Vieles ist aus seiner Sicht auch ohne Gesetzesrevision möglich. Aber man müsste das Gesetz vollziehen und Sanktionen aussprechen.

Wie will Felix Schneuwly die Gesundheitskosten dämpfen?

Und was würde denn Felix Schneuwly tun, um die Kosten zu dämpfen? Insgesamt ist er für mehr wettbewerbliche Anreize und weniger staatliche Planwirtschaft. Er sieht vor allem drei Hebel: Die Finanzierung, die Effektivität und Effizienz sowie die Qualität. So plädiert er für eine einheitliche Finanzierung ambulant-stationär, wobei Franchisen und Selbstbehalt sowie Prämienverbilligungen der Kostenentwicklung angepasst werden müssen. Er fordert zudem mehr Spielraum für die Krankenkassen bei den Prämien, damit Versicherte, die sich mit alternativen Versicherungsmodellen für Effizienz und Qualität entscheiden, auch besser belohnt werden dürfen. Das Bundesamt für Gesundheit müsste in seinen Augen transparente Qualität durchsetzen und Mängel sanktionieren.

Zusätzlich plädiert Felix Schneuwly für die Aufhebung des Vertragszwangs («Man wechselt eher die Versicherung als den Arzt») und des Territorialitätsprinzip («Wieso darf man etwa Medikamente aus Deutschland oder den USA nicht importieren?»). Zudem stellte er in Aussicht, dass Comparis auf dem Internetportal bald auch Medikamentenpreise-, Ärzte-, Spital- und Spitexvergleiche anbieten will.

Ein Pflegekonto fürs Alter

In der Diskussionsrunde kam zur Sprache, dass die Arztrechnungen für Patienten nicht nachvollziehbar und kontrollierbar sind. Schneuwly pflichtete bei und bezeichnete das Abrechnungssystem Tarmed als gigantisches Versteckspiel. Dr. Werner Widmer von der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, der im Publikum sass, brachte zusätzlich eine einkommensabhängige Franchise ins Spiel. Ein Teilnehmer wollte zudem noch wissen, wie die Pflegefinanzierung aussehen müsste. In diesem Bereich plädierte Felix Schneuwly für ein Pflegekonto, das man im Alter brauchen kann – analog zum Vorsorgekonto 3a.

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Präsentation von Felix Schneuwly im Careum Colloquium