Gut älter werden im Quartier

Wie werden Quartiere alternsfreundlich, die mehr und mehr auf jüngere Generationen ausgerichtet sind? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit auch ältere Menschen gut und möglichst selbstbestimmt in ihrem vertrauten Umfeld leben können? Bilanz ziehen lässt sich nun nach drei spannenden Jahren beim Frauenfelder Pilotprojekt «Älter werden im Quartier» (AWIQ).

Wie die Menschen im Alter leben, wird durch vieles beeinflusst: Wie selbstbestimmt sie zurechtkommen, wie sehr sie teilhaben und sich einbringen können, wie sie in Beziehungen und sinnstiftende Tätigkeiten eingebunden sind und wie stark sie bei Bedarf auf Hilfe in der Nähe zurückgreifen können. Auch individuelle Eigenheiten, Belastungen und Ressourcen oder die Rahmengesetzgebung durch Politik oder das Versorgungssystem prägen das Leben im Alter.

Aber bei aller ungeheuren Vielgestaltigkeit der langen Lebensphase des Alters: Es gibt einen gemeinsamen Nenner, der sich in der gerontologischen Debatte immer klarer zeigt – und zwar länderübergreifend. Der allerwichtigste Rahmen für gutes Älterwerden wird nämlich durch das unmittelbare Lebensumfeld geprägt – durch den Nahraum des Quartiers, des Stadtviertels.

Im Quartier verwurzelt

Wenn der Aktivitätsradius älterer Menschen kleiner wird, dann wird das Quartier immer wichtiger. Dies ist für sie das vertraute Zuhause. Hier fühlen sich die meisten Menschen zugehörig. Die Vertrautheit mit der räumlichen Umgebung ist wichtig. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass viele Ältere in langen Jahren hier Freundschaften und Nachbarschaften gepflegt haben. Viele haben sich aktiv im Quartier engagiert und identifizieren sich stark damit. Für die Menschen also ist der Quartiersrahmen umso wichtiger, je älter sie werden.

Aber vielen Menschen fehlen tragfähige Netzwerke in der Nachbarschaft. Dabei wird dies in dem Masse wichtiger, je mehr sich in den letzten Jahrzehnten die Familien-, Erwerbs- und Gesellschaftsstrukturen in der Schweiz markant verändert haben. Familienmitglieder wohnen nicht mehr Tür an Tür, sondern oft aus beruflichen Gründen weiter entfernt. Gross- und Mehrgenerationenfamilien werden immer mehr von Kleinhaushalten oder Singles abgelöst.

Quartiere sind oft auf jüngere Generationen ausgerichtet

Angesichts all dieser Entwicklungen schöpfen viele Quartiere ihr Potenzial bei weitem nicht aus. Sie tragen oft wenig dazu bei, Antworten auf die obigen Entwicklungen zu geben. Zusätzlich haben sie sich teilweise problematisch entwickelt, haben an sozialer und Versorgungsinfrastruktur eingebüsst. Oder sie wurden vor allem an die Bedürfnisse der jüngeren Generationen angepasst. Vielerorts fehlen Aktivitäts- und Begegnungsräume.

So kommt es zu jener internationalen Rückbesinnung, wie wichtig das Quartier für ein gutes Älterwerden ist. Zudem wünschen sich ältere Menschen immer häufiger alternative Lösungen, um selbstbestimmt im Alter zu leben. Angestossen wird diese Entwicklung durch den Trend «ambulant vor stationär». Und durch Einsicht, dass reine Professionalisierungs- und Dienstleistungskonzepte bei weitem nicht ausreichen werden, um die demografischen Herausforderungen zu lösen.

Die Debatten um «Caring Communities» gehen hier mittlerweile noch weiter – auch hier sind alternsfreundliche Quartiere ein unverzichtbarer Baustein. Das Projekt «Älter werden im Quartier» (AWIQ) reiht sich in diese grosse Suchbewegung ein. Es soll sowohl die Menschen wie auch die soziale Infrastruktur stärken, und darüber hinaus zu einem Aufbruch in der lokalen Landschaft des Helfens und Unterstützens beitragen – sowohl seitens der Profis wie seitens der informellen Netzwerkpersonen.

Wie unterstützt man das Älterwerden im Quartier?

Wie schafft man aber nun gute Rahmenbedingungen, um älteren Menschen das selbstständige Wohnen und Leben in ihrer gewohnten Umgebung in sinnvoller Weise zu ermöglichen? Und wie kann es gelingen, dass dies nicht für sie geschieht, sondern systematisch mit ihnen und durch sie?

Der Thurgauer Kantonshauptort Frauenfeld stellte sich dieser Frage. Dass die Arbeit im Quartier ansetzen müsse, war Ergebnis des 2013 verabschiedeten Alterskonzepts.  Prof. Dr. Ulrich Otto, Leiter Careum Forschung (Forschungsinstitut der Kalaidos FH Gesundheit), wirkte als beratender Experte massgeblich mit. Mit dem Pilotprojekt «Älter werden im Quartier» sollte tatkräftig in einem ausgewählten Quartier, dem Kurzdorf, gestartet werden. Von Anfang an wurde das Projekt als darüber hinausweisender Katalysator angesehen, um von diesem Lernfeld aus im besten Falle eine Kettenreaktion in weiteren Stadtvierteln auszulösen.

Careum Forschung war von Anfang an Projektpartner und evaluierte das von der Age Stiftung und der Gesundheitsförderung Schweiz finanzierte Pilotprojekt. Die Projektphase ist mittlerweile abgeschlossen. Die Angebote von AWIQ wie z. B. Kurz-Dorf-Träff, Nachbarschaftshilfe und Talentbörse werden nun selb­stständig von der Quartierbevölkerung getragen. Die Erfahrungen und Resultate des Pilotprojekts sind ermutigend.

Die Flamme in andere Quartiere tragen

Für Careum Forschung war die Zusammenarbeit mit den Projektpartnern höchst erfreulich und wertvoll. Auch wenn gerade stark lokal verankerte Projekte nie eine einfache Blaupause für andere Orte liefern können – vom Frauenfeld-Projekt lässt sich dennoch viel lernen. So sehr Partizipation (aktiver Einbezug der Bevölkerung) anfangs aufwändig scheint und nicht unbedingt schnelle Effekte zeigt, es lohnt sich unbedingt, sie wirklich in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn sie gelingt, dann entsteht viel mehr als nur irgendwelche kleine Zusatz-Kür-Projekte auf der ehrenamtlichen Spielwiese. Die Effekte erschöpfen sich auch nicht im Zählen von Besucherinnen im Begegnungsort oder in geleisteten Hilfestunden in der Nachbarschaftshilfe.

Wichtiger ist, wie sehr es in der Thurgauer Kantonshauptstadt zu einer breiteren Aufbruchsbewegung gekommen ist, in der die Bevölkerung mitten drin ist. Und wie stark diese mit einer aktiven Auseinandersetzung mit Fragen rund um das «Wie wollen und können wir in Frauenfeld gut älter werden» verknüpft wurde. Entscheidend wichtig war dabei auch, dass auch die Sozial-, Gesundheits- und Pflegefachkräfte mit auf den Weg genommen wurden. Und zwar auf einen gemeinsamen Weg substanzieller Vernetzung und Kooperation. Wenn an all dies auch künftig klug und aktiv angeknüpft wird, dann wird das weiter ausstrahlen. Dann wird der durch AWIQ angestossene Lernprozess nicht nur das Bild des Älterwerdens weitergebracht haben, sondern überhaupt die Ideen des Zusammenleben, des Zusammenwohnens und des Helfens in der Stadtgesellschaft – im Grossen wie im Kleinen.

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