Uber in der Pflege?

IL-NW-Workshopbericht von Prof. Dr. Ulrich Otto, Leitung Careum Forschung

Das Vorbereitungsteam: Andrea Kofler, Ulrich Otto, Christophe Kunze, Richard Züsli
Das Vorbereitungsteam: Andrea Kofler, Ulrich Otto, Christophe Kunze, Richard Züsli

Uber-Taxis und Airbnb machen es schon länger vor – und spalten die Meinungen. Bisher eher in Form von e-Health und AAL (active and assisted living: technikunterstütztes Älterwerden) – nun kommt sie auch bei Dienstleistungen in der Pflege und Betreuung an: die Digitalisierung der Gesellschaft und Wirtschaft.
Die einen sehen eine willkommene Angebotsbereicherung und Aktivierung brachliegender Potenziale – seien es Dienstleistungen oder Wohnräume. Die anderen befürchten eher, dass die mühsam errungene Professionalisierung der Pflege gefährdet wird, dass die Freiwilligenarbeit konkurrenziert wird, dass massenhaft ungeschützte Arbeitsverhältnisse in der Schattenwirtschaft und Steuerausfälle drohen.

Dies hochaktuelle Thema hatte sich das Independent Living Netzwerk auf seinem 15. Workshop Ende Oktober in der Bananenreiferei in Zürich vorgenommen. Zwei spannende Tage lang diskutierten die Mitglieder es aus ihrer bereichernden binationalen Perspektive kritisch: Ist die Uberisierung auch in der Pflege und Betreuung der nächste Schritt? Oder gibt es andere Modelle, die es zu diskutieren und weiter zu entwickeln gilt? Wie steht es mit Geschäftsmodellen und gesellschaftlichen Auswirkungen?
 

Über das IL-NW
Das Independent Living Netzwerk (IL-NW) ist ein Netzwerk für Organisationen aus dem deutschsprachigen Raum, die etwas im Themenfeld Independent Living einschliesslich Active and Assisted Living (AAL) bewegen wollen. Es bringt absichtsvoll unterschiedlichste Stakeholder sowie Disziplinen zusammen – zum Voraus- und Querdenken am Kreuzungspunkt von Forschung, Gesundheit und Sozialem, Immobilien- und Finanzwirtschaft, Wohlfahrtsverbänden und Dienstleistern, Seniorinnen und Senioren sowie IT/Technik. Das Netzwerk wurde 2008 von der Universität St. Gallen (HSG) gegründet und wird seit 2015 von Careum Forschung (Zürich) geführt.
Als Thinktank will das Netzwerk zusammen mit seinen Mitgliedern Herausforderungen und Geschäftsideen vorwegnehmen. Es will aktuelle gesellschaftliche, technische und politische Veränderungen aufgreifen, Rahmenbedingungen mitgestalten und Lösungen erarbeiten. Das Netzwerk identifiziert regelmäßig Themen und Arbeitsschwerpunkte, die die Ausrichtung der Workshops sowie darüber hinaus die Zusammenarbeit bestimmen.

Digitalisierung …

Das Grundprinzip der „digital matching“-Unternehmen (wie Uber, Airbnb usw.) ist einfach: Sie bieten selbst keine Dienstleistungen an, sondern nur eine digitale Vermittlungsplattform für die einfache Abwicklung von Peer-To-Peer-Transaktionen zwischen Anbieter und Nutzer.

Kritik: Inzwischen stossen die „collaborative consumption“-Anbieter, wichtige Antreiber der Sphäre der „shareconomy“ und des geteilten Konsums, vielerorts auf Widerstand: So sei ihr Geschäfts­mo­dell ein Angriff auf rechtliche Rahmenbedingungen und untergrabe Arbeitnehmerrechte eben­so wie Qualitätsstandards. Im Fall Airbnb wird bspw. gefragt: darf es sein, dass über die Deklarierung als Ferien­wohnungen massenhaft normale Wohnungen dem Wohnungsmarkt und Mieterschutz entzogen werden? Im Fall Uber: wird das Personenbeförderungsrecht ausgehebelt? Und sind die Fahrer nicht doch Angestellte?

Zurzeit ist offen,

  • wie die Gesetzgeber mit der Thematik umgehen werden – Reaktionen reichen von Deregulierung über Nichtstun bis hin zu massiver Regulierung des Marktes,
  • was die neuen Angebote bei den traditionellen Produkten, Diensten und Anbietern verändern,
  • ob die neuen Anbieter die Kritik entkräften können – und zwar real, nicht nur medial,
  • wie schnell der Einfluss auf die Versorgungslandschaft in Begleitung, Betreuung und Pflege wirklich wächst?
     

… auch in der Pflege und Betreuung?

Das Uber-Prinzip in der Pflege bedeutet: über eine Plattform bieten unterschiedlichste Menschen auch Dienstleistungen im Bereich Begleitung, Betreuung und Pflege für kürzere oder längere Dauer an. Sie arbeiten gegen Entgelt und auf eigene Rechnung. Gesellschaftlich entscheidend ist, was dabei mit dem Gesamtsystem der Begleitung, Betreuung und Pflege passiert – mit seiner Stabilität, Fachlichkeit und Qualität. Eine verantwortungsvolle Diskussion – darin stimmten die Workshop-Teilnehmenden überein – muss hier die vielen Berührungspunkte mit bestehenden Versorgungsstrukturen beachten:

  • Konkurrenzierung? Wie stark überschneiden sich die Plattformdienste mit Engagementformen mit Aufwandsentschädigung, wie sie in manchen Bereichen im Sozialwesen üblich sind? Welche Folgen werden die neuen Dienstleistenden auf Engagementformen, Ehrenamt und Freiwilligenarbeit haben?
     
  • Gesellschaftliche Ressourcen? In den meisten der neuen Angebote werden erhebliche Gebühren vereinnahmt. Entzieht dies dem finanziell sowieso klammen Sozial- und Pflegesektor weitere wichtige Ressourcen?
     
  • Regelung, Kontrolle, gesetzliche Rahmung der neuen Plattform-Ökonomie? Bei dieser Diskussion gibt es Parallelen zu regulatorischen Problemen neuer Versorgungsformen (z.B. betreute Wohngemeinschaften). Verdeutlichen hier die neuen Angebote möglicherweise v.a. den Konflikt zu etablierten (ggf. überholten?) Rahmenbedingungen. Wieviel und welche Regulierung braucht es? Wie kann hier eine Regulierung mit Augenmass erreicht werden?
     
  • Qualitätssicherung: Pflege und Betreuung weisen heute hohe Standards und qualitätssichernde Begleitmassnahmen auf. Wie können Rahmenbedingungen geschaffen werden, die trotz der dynamischen Entwicklung der Plattformdienst und zugleich den raschen Veränderungen im gesamten Dienstleistungsgefüge Qualität garantieren?  
     
  • Von den Neuen lernen: Die digitalen Vermittlungsplattformen zeigen auch Potenziale besserer Organisation etablierter Versorgungsformen im Sozial- und Gesundheitswesen. Was können wir von der sharing economy & Co für die Digitalisierung der Betreuung und Pflege lernen, was in Sachen Patientenzentrierung, Flexibilität usw.?
     
  • Personenbezogene Dienstleistung als Ausschlusskriterium? On-demand Angebote bieten meist homogene, leicht zu vermittelnde und auf klar definierte Kundensegmente ausgerichtete Güter an. Bei personenbezogenen Diensten ist dies schwieriger. Es gibt kein homogenes Gut «Pflege», ebenso wenig wie «die Kundengruppe». Schliesst das gleichsam die Digitalisierung der Pflege aus?
     
  • Oligopolisierung? In der Plattform-Ökonomie zeigen sich häufig schnelle Konzentrationsprozesse. Einzelne verbliebene Plattformanbieter bestimmen dann allein über Angebotsspektrum, Vergütung usw. Wollen die Akteure im Sozialwesen den Internetunternehmen hierbei das Feld überlassen? Welche Folgen haben solche Entwicklungen für Angebote der Sozialunternehmen?


Fazit

Einig waren sich die Netzwerkmitglieder, dass es darum geht, Chancen und Risiken der Plattform-Ökonomie für das Sozial- und Gesundheitswesen frühzeitig zu erkennen und deren mögliche Auswirkungen zu verstehen. Begleitung, Betreuung und Pflege sind im bisherigen Umfang auf Dauer nicht sichergestellt. Die sich durch die Digitalisierung ergebenden neuen Ansätze könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten. Doch mit den neuen Lösungsansätzen gehen Risiken einher, die rechtzeitig erkannt werden wollen. Rund um die o.g. Kriterien brauche es weitere aktive Auseinandersetzung mit dem Thema – nur so lässt sich das Feld mitgestalten, lassen sich wünschenswerte Entwicklungen fördern, wie z.B. echtes Teilen, soziale Unterstützung, bessere Nutzerzentrierung und gesicherte Qualität.
 

Save the Date!
Am Mi, 21.6.2017, 17-19 Uhr  findet eine Abendveranstaltung zu diesem Thema statt. Sie wird organisiert von Careum Weiterbildung und Careum Forschung.
Weitere Informationen folgen in Kürze unter Careum Weiterbildung und Careum Events!