Erfahrungsaustausch mit internationalen Expertinnen und Experten

Befragungen von pflegenden Angehörigen aller Altersgruppen

Fotos: Careum/Svec Goetschi


Wie viele Personen in der Schweiz sind privat in die Pflege nahestehender Personen involviert? Es gibt bis jetzt keine verlässlichen Schätzungen über die Anzahl betreuender und pflegender Angehöriger sowie zu ihrem Betreuungs- und Pflegeaufwand. Diese unklare Datenlage konstatierte auch der Bundesrat in seinem Aktionsplan pflegende Angehörige.

Wie lassen sich nun aber aussagekräftige quantitative und qualitative Daten über Personen aller Altersgruppen mit Betreuungs- und Pflegeaufgaben in der Schweiz sammeln? Wie soll ein solcher «Swiss Caregiving Survey», der die ganze Lebensspanne umfasst, sinnvoll angegangen werden? Wie lässt sich die heterogene Gruppe pflegender Angehöriger befragen, umfasst sie doch Menschen in allen Lebensphasen  pflegende Kinder chronisch oder psychisch kranker Eltern, erwerbstätige Angehörige, die Job und Angehörigenpflege vereinen müssen sowie betagte Menschen, die Pflegeaufgaben für ihre Partner zu Hause leisten?
Und, was kann die Schweiz hier vom Wissen und von der Erfahrungen anderer Länder lernen? Viel – so jedenfalls die Erwartung der Teilnehmenden des International Exploratory Workshop, der von Careum Forschung, dem Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, am 22.–23. Mai 2017 auf dem Careum-Campus in Zürich durchgeführt wurde. Ziel des Workshops war ein gewinnbringender Erfahrungsaustausch mit den Experten/innen aus England, Schweden, Deutschland und der Schweiz.

Pflege über alle Lebensphasen hinweg

Eröffnet wurde der erste Tag des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Workshops am Montagmorgen von Margreet Duetz Schmucki (Leiterin Nationale Gesundheitspolitik des Bundesamtes für Gesundheit, BAG). Sie erörterte die politische Situation in der Schweiz sowie die geplanten Massnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Agnes Leu (Programmleiterin learn & care, Careum Forschung) freute sich sehr darüber, jemanden vom BAG am Workshop mit dabei zu haben. Es sei sehr wichtig, so Leu, das BAG mit im Boot zu haben – denn, was nütze die ganze Forschung, wenn keine politischen Massnahmen auf die Erkenntnisse folgen?

Daniel Phelps (youngcarers.info & University of Winchester, UK) berichtete von seinen Erfahrungen mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Pflege- und Betreuungsaufgaben in Grossbritannien. Im Gegensatz zur Schweiz ist die Young Carers-Forschung dort schon seit längerem etabliert, über die Jahre liessen sich Erfahrungen und Daten sammeln. Die Öffentlichkeit, aber vor allem Fachpersonen im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, wurden sensibilisiert auf die Probleme und Bedürfnisse der betroffenen Kinder und Jugendlichen. So werden Gesundheitsfachpersonen in Schulen («school nurses») trainiert, Young Carers frühzeitig zu erfassen.

Susanne Kelfve (Karolinska Institutet, Linköping University), gab Auskunft über durchgeführte Befragungen in Schweden. Ältere und alte Menschen würden nicht nur Pflegeleistungen empfangen, sondern pflegten auch häufig aktiv, z.B. Ehe- oder Lebenspartner. Schwierigkeiten ergäben sich bei Interviews. Viele Personen lebten in Alters- und Pflegeheimen und könnten oftmals nicht mit Fragebogen erreicht werden – diese Gruppe taucht deshalb niemals in der Statistik auf. Altersbeschwerden, geistige und körperliche Beeinträchtigungen und Gebrechlichkeit erschwerten teilweise die Kommunikation und das Verständnis in der Interviewsituation. Die Frage ist auch, wen man mit Surveys erreichen will – diejenigen, die Unterstützung und Pflege empfangen oder aber pflegende Angehörige? Wie löst man dies methodologisch, wie gestaltet man die Befragung, so dass sich verschiedene Gruppen angesprochen fühlen?

Einen interessanten Einblick in amerikanische Pflegeverhältnisse gab Carole Levine (United Hospital Fund of New York, US) zusammen mit Iren Bischofberger (Programmleiterin work & care, Careum Forschung). Carole Levine gab zu bedenken, dass man für eine erfolgreiche Befragung Reaktionsweisen und Vorlieben der Zielgruppen kennen sollte. So sind in den Staaten Online-Umfragen sehr populär, weniger erfolgsversprechend sind hingegen Anfragen per Mail oder Telefon.

Nach den Inputreferaten trafen sich die Teilnehmenden am Nachmittag in drei Gruppen, um den Erfahrungs- und Wissensaustausch am runden Tisch weiterzuführen.

 

Am zweiten Tag des Workshops am Dienstag wurden die Ergebnisse der Gruppen präsentiert und diskutiert sowie mögliche Vorgehensweisen und Empfehlungen formuliert.

Das detaillierte Programm finden Sie hier.