Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenpflege

Interview mit Prof. Dr. Iren Bischofberger, Radio SRF 1, «Kontext» vom 01.05.2017

Viele Angestellte in Betrieben sind überlastet – dies erst recht, wenn sie Kinder haben und/oder neben ihrem Beruf Angehörige pflegen oder betreuen. Was tun Betriebe, um Angestellten ein solches Engagement zu erleichtern – auch vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Pflegebedürftigen stetig steigt? Wie lässt es sich verhindern, dass Arbeitnehmende durch diesen Kraftakt und die Mehrfachbelastung nicht selbst krank werden? In welchem Aussmass werden Betriebe in der Schweiz mit dem Thema Angehörigenpflege überhaupt konfrontiert? Wer ist davon betroffen?
Prof. Dr. Iren Bischofberger, Programmleiterin von «work & care» bei Careum Forschung, dem Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, gibt im «Kontext»-Interview Antworten auf diese Fragen. Das Programm «work & care» beschäftigt sich nun schon seit zehn Jahren mit der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege. Unter anderem erfassen Iren Bischofberger und ihr Team mit Betriebsumfragen Daten zur Pflege- und Betreuungsarbeit von Mitarbeitenden bei Firmen und Organisationen.

«Es kommt ganz auf die Branche an»

Entgegen der landläufigen Annahme sind es nicht zwangsläufig nur Frauen, die in Pflegeaufgaben involviert werden. Gemäss Iren Bischofberger kommt es ganz auf die Branche an. Im nichterwerbstätigen Bereich übernehmen traditionell mehr Frauen die Betreungs- und Pflegeaufgaben. Ähnlich sieht es aus in Branchen, in denen eher Teilzeit gearbeitet wird. Auch hier leisten ebenfalls eher Frauen den Spagat zwischen Angehörigenpflege und Erwerbstätigkeit. In Branchen, in denen jedoch vermehrt Vollzeittätigkeit die Regel ist, sind auch Männer von der Doppelrolle betroffen – sie gehen z.B. die Woche über einer 100%igen Erwerbstätigkeit nach und holen am Wochenende Angehörige aus dem Pflegeheim.

Wenn die Mehrfachbelastung den Schlaf raubt

Das doppelte Engagement zieht gemäss Iren Bischofberger positive und negative Folgen nach sich. Positive Auswirkungen äussern sich beispielsweise in einer verstärkten Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber – wer ein gutes Betreuungsarrangement hat, bleibt länger und lieber an einem Arbeitsplatz. Muss man aber bei jeder Komplikation oder bei jedem Spitalaufenthalt von Angehörigen darum ringen, den Arbeitsplatz zu verlassen, leiden Produktivität und Loyalität darunter, es treten unter Umständen Stress, Schlaflosigkeit, Erschöpfung und Krankheit auf. So Bischofberger: «Die Belastungsfaktoren machen sich dort bemerkbar, wo kein gutes Arrangement erreicht werden kann.» Wie lässt sich die Situation lösen? Gefordert sind sowohl Arbeitgebende wie -nehmende: Vorgesetzte müssen einerseits für das Thema sensibilisiert werden und ihre Angestellten proaktiv informieren, andererseits müssen sich Mitarbeitende auch frühzeitig melden. Es gilt, die Belastungen nicht stumm zu ertragen, sondern sich rechtzeitig Hilfe zu holen.

Das ganze Interview hören Sie hier:

Radio SRF1, Forum: Beruf und Betreuung vereinbaren - was Betriebe dafür tun, 01.05.2017


 

Weitere Links

  • Weitere Radiosendungen zum Thema Spagat zwischen Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung
  • Laufende Projekte des Programms «work & care»
  • Infoplattform www.workandcare.ch mit Videobeiträgen, Ratschlägen und Hilfsmitteln für Unternehmen, Behörden und pflegende Angehörige zum Thema Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Angehörigenpflege
  • Nationale Online-Plattform von Travail.Suisse zur Unterstützung von berufstätigen Angehörigen: www.info-workcare.ch