Die vergessenen Helfer

Erkranken Angehörige, übernehmen oft auch Kinder und Jugendliche Pflege- und Betreuungsaufgaben. Ihre Rolle wird jedoch öffentlich meist kaum wahrgenommen. Nun liegen für die Schweiz erstmals konkrete Zahlen vor: Es sind weit mehr Kinder betroffen, als bisher angenommen.

Wenn Eltern, Geschwister oder Grosseltern körperlich oder psychisch erkranken oder gar sterben, hört die Kindheit auf, unbeschwert zu sein. Oft schultern Kinder und Jugendliche dann Aufgaben, die normalerweise Erwachsene übernehmen müssen: Sie sorgen und kümmern sich um ihre Angehörigen – und manchmal übernehmen sie sogar Pflegeaufgaben wie Medikamente verabreichen oder Infusionen setzen. Meist wissen nicht einmal ihre Lehrpersonen oder Lehrmeister, was sie nebst Schule und Ausbildung zusätzlich leisten.

Pflegende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – im Fachjargon «Young Carers» und «Young Adult Carers» genannt –  sind seit 2014 das zentrale Forschungsthema von Prof. Dr. Agnes Leu und ihrem Team. Agnes Leu leitet das Forschungsprogramm «Young Carers» bei Careum Forschung, dem Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit.

Erstmals verlässliche Daten für die Schweiz

Bis anhin fehlten genaue Zahlen darüber, wie viele Kinder und Jugendliche in der Schweiz betroffen sind. Andere Länder haben einen Forschungsvorsprung. In Grossbritannien wird beispielsweise seit über 25 Jahren über pflegende und betreuende Kinder und Jugendliche geforscht.  Zwei grosse nationale Online-Befragungen liefern nun erstmals verlässliche Daten für die Schweiz. So gaben 3518 Fachpersonen aus dem Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich darüber Auskunft, was sie über «Young Carers» wissen und wie oft sie im beruflichen Kontext Kindern und Jugendlichen mit Pflegeaufgaben begegnen.

Die Umfrage zeigte, dass Fachpersonen noch (zu) wenig vertraut sind mit dem Phänomen «Young Carers». Nachdem ihnen aber die Begrifflichkeiten genauer erklärt wurden, gaben immerhin 40 Prozent der Befragten an, im Berufsalltag jungen Menschen begegnet zu sein, auf die diese Beschreibung zutrifft. Dies erstaunt nicht: «Young Carers» sind im Alltag unauffällig. Sie empfinden ihre Situation als normal und nehmen kaum Hilfe in Anspruch – nicht selten auch aus Scham. So fallen sie oftmals im Schulalltag erst auf, wenn sie z. B. unter Konzentrations- oder Schlafmangel leiden oder ihre Schulleistungen schwächer werden.  Allgemein wünschten sie Fachpersonen mehr Informationen und spezialisierte Weiterbildungsangebote, um früher auf betroffene Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu werden.

Fast acht Prozent der Kinder und Jugendlichen sind betroffen

In einer weiteren repräsentativen und schweizweiten Online-Erhebung wurden Kinder von 10 bis 15 Jahren an 230 Schulen online befragt. Bisher nahm man an, dass der Anteil der pflegenden und betreuenden Kinder in der Schweiz bei circa vier bis fünf Prozent liege. Nun muss dieser Wert nach oben korrigiert werden. Es sind fast acht Prozent Kinder und Jugendliche, die Angehörige betreuen oder pflegen und zwar etwas mehr Mädchen als Knaben.

 

Politische und gesellschaftliche Massnahmen sind nötig

Diese Ergebnisse sind ein erster wichtiger Schritt, um die Situation der «Young Carers» in der Schweiz zu aufmerksam zu machen. Es braucht notwendige politische und gesellschaftliche Massnahmen, damit pflegende Jugendliche und junge Erwachsene in der Übergangsphase zwischen Schule, Ausbildung und Beruf zukünftig besser unterstützen werden.

Daher engagiert sich Careum auch in den kommenden Jahren: In verschiedenen nationalen und internationalen Folgeprojekten wird über das wichtige Thema geforscht, und es werden möglichen Lösungen und Hilfe-stellungen entwickelt.

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