Careum Colloquium «Entscheiden bei Differenzialdiagnose und Multimorbidität»

«Ärzte sind Kampfpiloten» - Entscheiden unter erschwerten Bedingungen

Careum Colloquium Battegay

«Ärzte sind Kampfpiloten», so Professor Dr. med. Edouard Battegay, FACP, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am UniversitätsSpital Zürich am Careum Colloquium vom 10. März 2016. Sie befänden sich oft in Grauzonen, für die es keine normierten Entscheidungsprozesse gibt - insbesondere, wenn ein Patient mehrere Krankheiten gleichzeitig hat. Diese sogenannte Multimorbidität ist heutzutage keine Randerscheinung mehr, sondern betrifft die Mehrheit aller Patienten. Dies ist für unser auf Monomorbidität (=Vorliegen einer einzigen Krankheit) ausgelegtes Gesundheitssystem eine grosse Herausforderung.

In der Behandlung multimorbider Patienten zeigt sich oft folgendes Dilemma: was für das Eine gut wäre, geht nicht wegen des Anderen. Professor Battegay schilderte eine solche Interaktion am Beispiel eines Patienten mit Bluthochdruck. Hat dieser starke Rückenschmerzen, darf keinesfalls ein Schmerzmittel verabreicht werden, welches den Blutdruck steigert. Noch schwieriger lösbar ist der Fall bei einer älteren Patientin, die wegen eines Herzproblems Blutverdünnungsmittel bekommt. Tritt bei ihr eine Magenblutung auf, müsste die Blutverdünnung eigentlich dringend abgesetzt werden – wegen des Herzproblems ist dies aber nicht möglich.

Solche Disease-Disease Interactions (DDIs) erschweren die Behandlung des Patienten. Für die ärztlichen Kampfpiloten bedeutet dies eine erhöhte Unsicherheit in der Entscheidung. In der Verbindung mit Zeitdruck kann es besonders bei jungen Ärzten zu einem «cognitive overload» kommen, so Battegay. Eine rein rationale Entscheidung ist nur bei geringer Komplexität möglich. Vergrössert sich die Anzahl an Variablen (zum Beispiel drei oder noch mehr Krankheiten), spielt die Intuition eine grosse Rolle in der Entscheidungsfindung. Doch die menschliche Intuition ist auch bei Ärzten fehleranfällig. Auch mit langer Berufserfahrung tappt der Mensch in unbewusste Denkmuster, sogenannte heuristische Anker. Probieren Sie es aus.

Professor Battegay plädiert daher für eine Entscheidung mit Kopf, Herz und Bauch – also unter Berücksichtigung von rationalen, aber auch intuitiven und dem Wertesystem von Arzt und Patient entsprechenden Faktoren. Denn gerade bei multimorbiden Patienten sei die Berücksichtigung der Lebensqualität bei Entscheid für oder gegen eine Behandlung von grosser Wichtigkeit. Es sei wieder mehr Vernunft und Pragmatismus von den Ärzten gefragt – man dürfe vor lauter Diagnosen und technischen Idealwerten nicht vergessen, dass es schlussendlich darum ginge, wie der Patient zu Hause seinen Alltag bestmöglich bewältigen kann. Die Lösung sei nicht etwa, für alle möglichen Krankheitskombinationen Richtlinien zu schaffen. Professor Battegay stellte die Formel c4 vor: care, continuity, comprehensiveness, coordination (Pflege, Kontinuität, weit umfassend und Koordination). Diese Faktoren und ihr Zusammenspiel seien entscheidend, um für den Patienten den grössten Nutzen zu erzielen. Wie genau diese in der Praxis umgesetzt werden kann, ist noch nicht genau bestimmt. Sicher ist jedoch, dass Pflege und Ärzte bereits in der Ausbildung näher zusammenrücken müssen. Die Diskussion um die interprofessionelle Ausbildung wird damit immer aktueller. Careum ist in dieser Hinsicht bereits aktiv und war beispielsweise am Kongress für Gesundheitsberufe «Interprofessionalität – Realität oder Mythos?» Anfang März in Bern mit einem Input zum Thema «Verlangt Multimorbidität nach mehr Interprofessionalität?» vertreten. Nähere Informationen zum Engagement von Careum zum Thema Interprofessonalität finden Sie hier.