Careum Colloquium: Kommunikation von Sicherheitsbedenken

Für Patienten lebenswichtig – bei Fehlern die Stimme erheben!

Brisantes Thema im Careum Colloquium am 3. November 2015 war das «Speak-up», die Kommunikation von Sicherheitsbedenken in der Medizin. Weshalb ist es im Umgang mit Patienten lebenswichtig, auf Arbeitsfehler aufmerksam zu machen? Warum ist es so schwierig, offen über Fehler zu sprechen? Wie kann diese Kommunikation leichter gelingen? Prof. David Schwappach, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit, hat dies in seiner Präsentation eindrücklich aufgezeigt.

Fehlverhalten und wie man damit umgeht, «schleifen sich häufig einfach in die Arbeitsgewohnheiten ein». Obschon Fachleute meist wissen, dass sich Arbeitskollegen riskant verhalten oder Fehler gemacht haben (siehe auch die Silent Treatment Study), ist es sehr schwierig, die Praxis zu ändern, wie sie damit umgehen. Es erfordert kulturelle und prozessbezogene Veränderungen, die nur langfristig und mit viel Engagement aller Beteiligten und insbesondere der Führungsebenen zu erreichen sind. Die Etablierung einer Sicherheitskultur ist sowohl eine Führungsaufgabe als auch wichtiges Thema in der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonen aller Disziplinen und Hierarchiestufen.

Herr Schwappach stellte eine Studie der Stiftung für Patientensicherheit vor, in der sie in Schweizer Spitälern typischen Konstellationen, in denen Sicherheitsbedenken nicht angesprochen werden, auf den Grund gingen (siehe Literatur weiter unten). Die Studie basiert auf qualitativen Interviews, einer quantitativen Erhebung sowie einer klinischen Vignettenstudie. Welche Situationen lösen Sicherheitsbedenken aus? Wie kommunizieren die Mitarbeitenden ihre Bedenken? Welche Motivationen und Barrieren lassen sich feststellen?
Folgende Einflussfaktoren haben sich dabei herausgestellt:

  • geringe psychologische Sicherheit
  • hohe Anforderungen
  • geringe Patientensicherheits-Anwaltschaft
  • keine Leitungsfunktion
  • Pflegefachleute und Assistenten auf Station (vs. Ambulatorium)
  • jüngeres Alter.

Das Schweigen in Fehlersituationen wurde erklärbar durch individuelle und organisationale Faktoren sowie durch situative Kontextfaktoren.

Als besonders problematisch erfuhr Herr Schwappach bei der Studie, dass das «Speak-up» von den Studienteilnehmenden nicht als Lern- oder Verbesserungschance über den Einzelfall hinaus gesehen würde. Denn die Bereitschaft zum «Speak-up» widerspiegle das allgemeine Sicherheitsklima im Betrieb.

Sehenswertes Video zur Durchsetzungsfähigkeit im Gesundheitswesen auf YouTube

Literatur
Okuyama, A., Wagner, C., & Bijnen, B. (2014). Speaking up for patient safety by hospital-based health care professionals: a literature review. BMC health services research, 14, 61. doi:10.1186/1472-6963-14-61
Schwappach, D L B, & Gehring, K. (2014). «Saying it without words»: a qualitative study of oncology staff's experiences with speaking up about safety concerns. BMJ open, 4(5), e004740. doi:10.1136/bmjopen-2013-004740
Schwappach, David L B, & Gehring, K. (2014). Trade-offs between voice and silence: a qualitative exploration of oncology staff's decisions to speak up about safety concerns. BMC health services research, 14, 303. doi:10.1186/1472-6963-14-303
Schwappach, David L B, & Gehring, K. (2014). Silence that can be dangerous: a vignette study to assess healthcare professionals' likelihood of speaking up about safety concerns. PloS one, 9(8), e104720. doi:10.1371/journal.pone.0104720