«Ambulant MIT stationär» als neue Maxime

Die Alterspflege steht vor grossen Herausforderungen. In personeller und in finanzieller Hinsicht, wie Dr. Jérôme Cosandey von der Denkfabrik Avenir Suisse im Careum Colloquium am 12. November 2018 ausführte. Die Babyboomer-Generation stellt die Alterspyramide komplett auf den Kopf. Sie sorgt dafür, dass sich eine Schere zwischen Erwerbstätigen und Hochbetagten auftut. Die Anzahl der 80-jährigen und älteren Personen wird innert 20 Jahren um 83 Prozent steigen, gleichzeitig wächst die Bevölkerung im Erwerbsalter kaum. Zudem ist bis 2045 mit einer Verdoppelung der Kosten für die Langzeitpflege zu rechnen. Den zusätzlichen Bedarf an Pflegepersonal bis 2030 bezifferte Dr. Jérôme Cosandey mit über 8000 Vollzeitstellen in der Spitex und über 20 000 Vollzeitstellen in Alters- und Pflegeheimen. Dies unter der Annahme, dass sich nichts an der heutigen Situation verändert und ohne Berücksichtigung des technologischen Fortschritts.

Revision des Generationenvertrags ist nötig

Der Directeur romand bei Avenir Suisse plädiert deshalb für ein Umdenken: Es braucht eine Revision des Generationenvertrags, die Effizienz muss gesteigert werden und die Finanzierung muss intelligent geregelt werden. Er sieht Optimierungspotenzial über die gesamte Versorgungskette hinweg, um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu bremsen: Von der Hilfe zur Selbsthilfe, über die ambulante Pflege, die Tages- und Nachtstrukturen bis hin zur stationären Pflege. Dies untermauerte er mit einer Statistik der jährlichen Pflegekosten pro Einwohner 65+, die je nach Kanton mit unter 6000 Franken bis über 9000 Franken stark variieren. Insgesamt kommt Dr. Jérôme Cosandey für einen Schweizer Durchschnitt im ambulanten und stationären Bereich auf ein Einsparpotenzial von 12 000 bis 14 000 Stellen. «Sie müssen jetzt aber nicht Angst um ihren Job haben.» Vielmehr müssten entsprechend weniger Leute ausgebildet oder aus dem Ausland rekrutiert werden.

Für ihn geht die Maxime «ambulant vor stationär» zudem nicht auf. Zwar könnten etwa im Kanton Zürich 39 % der Pensionäre im Pflegeheim eigentlich ambulant behandelt werden. Wenn in der ganzen Schweiz alle einfachen Pflegefälle ambulant behandelt würden, würde dies aber wieder einen zusätzlichen Personalbedarf von 10 000 Personen bedeuten. Rein ökonomisch betrachtet ist das Pflegeheim ab zwei Stunden Pflege pro Tag zudem günstiger als die Spitex, weil der Anreiseweg entfällt und die Mitarbeitende nach ihren Kompetenzen eingesetzt werden können. Deshalb lautet das Credo von Dr. Jérôme Cosandey: «ambulant MIT stationär». Als wichtig erachtet er auch, dass Transparenz über alle Leistungen und Leistungserbringer geschaffen wird.

Obligatorisches Pflegekapital im Alter

Die heutige komplexe Alterspflegefinanzierung führt in den Augen des Vorsorgeexperten zu Fehlanreizen. Kritik übt er etwa an den Ergänzungsleistungen. Damit werde Sparen für die Alterspflege bestraft und Konsum gefördert. Avenir Suisse propagiert deshalb eine neue generationengerechtere Finanzierung. Sie schlägt die Bildung eines obligatorischen, individuellen Pflegekapitals ab 55 Jahren vor. Das angesparte Kapital wird bei Bedarf für alle Pflege- und Betreuungsleistungen zu Hause oder im Heim eingesetzt und nicht verwendete Mittel können im Todesfall vererbt werden. Die Versicherungspflicht ab 55 Jahren würde Jugendliche, Familien und den Staat entlasten. Kurzfristig müssten bei der Finanzierung aus Sicht von Dr. Jérôme Cosandey die Leistungen und nicht die Kosten entschädigt werden, die Qualität über den «Output» gemessen werden und die Versorgungspflicht ausgeschrieben werden.

Die Angst vor einer «Industrialisierung der Alterspflege» besänftigte der Forschungsleiter Finanzierbare Sozialpolitik bei Avenir Suisse in der Diskussionsrunde damit, dass die Qualität nicht verloren gehen muss, wenn man effizienter wird. Zudem bestätigte er, dass mit Technik viel möglich ist. «Die Frage ist einfach, ob die Gesellschaft dies will.»