«Mit Oma sprechen, nicht über sie!»

Im Salon des Impact Hubs Zürich ging es am 29. Mai um Digitalisierung und alternde Gesellschaften. Diese Kombination bedeutet keinen Widerspruch, sondern bietet Chancen. Man muss es allerdings richtig anpacken. So gilt es, ältere Menschen bereits beim Produktdesign einzubinden und ihre Kompetenzen im Umgang mit den neuen Medien zu stärken.

Keynote Speaker Prof. Dr. Claudia Müller (Mitte), Frank Leyhausen (ganz rechts) (Foto: Careum)

Eingeladen zum Brunch mit zwei Keynotes hatte das Zurich Chapter Aging2.0. Interessiert folgte das Publikum den Ausführungen von Frank Leyhausen, Begründer des SENovation-Awards und Geschäftsführer der MedCom international medical & social communication GmbH und von Prof. Dr. Claudia Müller, Forscherin an der Careum Hochschule Gesundheit in den Bereichen Technik im Alter und Digitalisierung.

«Es geht diesen Monat einiges und es kommt Bewegung in den eher starren Altersbereich!», mit diesen Worten eröffnete Patrick Hofer, Zurich Chapter Ambassador, die Veranstaltung. Er wies unter anderem auch auf die neue Altersstrategie der Stadt Zürich hin. Das Zurich Chapter wolle Innovationen sammeln und Vernetzung auf nationaler Ebene vorantreiben. Interessant sei, dass ältere Menschen noch zu wenig als Konsumenten wahrgenommen würden. Lediglich ein Prozent der Werbebotschaften richtet sich laut Patrick Hofer an ältere Menschen – und dies, obwohl die Gesellschaft stetig altert und Seniorinnen und Senioren kaufkräftig sind. 

Älteren Menschen den Zugang zu Technologien erleichtern

Im Referat von Claudia Müller ging es um Forschungsprojekte im Bereich AAL und Caring Communities. Claudia Müller ist Professorin der Kalaidos Fachhochschule und  im Forschungsprogramm «Ageing at home» der Careum Hochschule Gesundheit tätig. Gleichzeitig leitet sie als Juniorprofessorin den Bereich «IT für die alternde Gesellschaft» an der Universität Siegen (D). Sie ist zudem stellvertretende Vorsitzende der Sachverständigenkommission des Achten Altenberichts der Bundesregierung Deutschland. Das Ziel der Forschungsprojekte ist es, die soziale Teilhabe älterer Menschen, ihre  Mobilität und Selbstständigkeit zu erhalten und zu erhöhen – unterstützt durch digitale Technologien und Innovationen. Im  EU-Projekt  ACCESS geht es z.B. um die Lebens- und Bewegungsfreude in der Stadt Siegen und um Public Dancing. Im SNF-Projekt CareComLabs werden gemeinsam mit Beteiligten und Betroffenen neue Modelle von «sorgenden Gemeinschaften» in drei Regionen in der Deutschschweiz erforscht und entwickelt. (Erfahren Sie mehr darüber im Careum-Blogbeitrag von Claudia Müller)

Die zentralen Fragen sind: Wie erhalten ältere Menschen Zugang zu neuen Technologien? Wie können sie digitale Fertigkeiten erlernen? Claudia Müller erwähnt den Trend zum intergenerationellen Lernen, z.B. Schulkinder erklären älteren Menschen den Umgang mit Tablets und Computer. Nicht alle Menschen würden aber auf diese Art der Vermittlung ansprechen. Manche wünschen sich die Vermittlung von Personen mit einer ähnlichen Lebenswelt. Dies bieten gemäss Claudia Müller Senior-to-Senior-Anlässe: «Ältere Menschen helfen älteren Menschen, am Ball zu bleiben.»

Über die Kaufkraft der älteren Generation

Die zweite Keynote hielt Frank Leyhausen, Begründer des SENovation-Awards und Experte für Demografie und longevity ecomomy. «Wann empfinden Sie einen Menschen als alt?», fragte er zu Beginn in die Runde. Die Antworten waren unterschiedlich und zeigten, dass das biologische Alter nicht immer dem gefühlten Alter entspricht. Alt, so Leyhausen, wird in der Regel immer mit «beeinträchtigt» oder «eingeschränkt» in Verbindung gebracht. «Und so sieht es auch in der Produkteentwicklung aus: Rollatoren und Stützstrümpfe, damit hat es sich.» Dabei möchten viele Seniorinnen und Senioren genauso schön designte Produkte wie jüngere Semester. Produkte dürften nicht an den älteren Menschen vorbeientwickelt werden, sondern mit ihnen. Denn die ältere Generation ist kaufkräftig – und es werden mehr. Es ist für Frank Leyhausen deshalb nicht verständlich, weshalb die älteren Menschen so aussen vor gelassen werden bei der Produkteentwicklung. «Alle fixieren sich nur auf die Jungen! Das erscheint mir eine schlechte Strategie zu sein angesichts der wachsenden Kaufkraft der Älteren!» Er rief deshalb nochmals gezielt Schweizer Start-ups dazu auf, Ideen für den SENovation-Award einzureichen. Mit dem Award werden gezielt innovative Start-ups unterstützt, die technologische oder digitale Innovationen für ältere Menschen auf den Markt bringen wollen. Neu können an der diesjährigen Ausschreibung auch Bewerbungen aus der Schweiz eingereicht werden – die Bewerbungsfrist läuft noch bis 30. Juni 2019. (Hier mehr erfahren über die Ausschreibung). 

Die Veranstaltungen endete mit einer angeregten Diskussion und bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich zu vernetzen oder sich mit den Referenten zu unterhalten.