Gesellschaftliche Entwicklungen für ein besseres Gesundheitswesen nutzen

Das Gesundheitswesen ist vielleicht ein Sonderfall. Aber was in der Gesellschaft passiert, wirkt sich auf das Gesundheitswesen aus. Für Dr. Werner Widmer, Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster und profunder Kenner des Gesundheitswesens, ist klar: Es gilt, die gesellschaftlichen Entwicklungen strategisch zu nutzen. Oder in den Worten des amerikanischen Informatikers Alan Kay: «Die beste Methode, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.»

Dr. Widmer schälte im Careum Colloquium am 21. November 2017 sieben Trends heraus, die wie grosse Wellen auf das Gesundheitswesen einwirken. Man kann sie ignorieren oder abwehren, bis man von ihnen überrollt wird. Die bessere Taktik in seinen Augen: Auf der Welle surfen und die Kraft nutzen.

Demografie
Die Schweizer Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich altern. Als Herausforderungen nannte Dr. Widmer daher das altersgerechte Design der Patientenprozesse und die Zusammenarbeit mit Angehörigen. Er warf zudem die Frage auf, was Spitäler von Pflegeheimen lernen können. Zusätzlich wird der Arbeitsmarkt enger. Höhere Löhne kann sich das Gesundheitswesen nicht leisten. In seinen Augen braucht es daher ein besseres Betriebsklima – interprofessionell und intergenerationell – und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Epidemiologie
Chronisch krank zu sein und an mehreren Krankheiten gleichzeitig zu leiden (Multimorbidität), steht zunehmend im Fokus. Dies bringt folgende Herausforderungen mit sich: interdisziplinäre Zusammenarbeit, interprofessionelle Kommunikation, Integration von Somatik und Psychiatrie im Spital, demenzfreundliche Spitäler und Patienten als Experten ihrer Krankheiten sowie als Koproduzenten im Gesundheitsprozess. Der Buchautor und Berater führte dazu aus, dass Spezialisten nichts nützen, wenn sie nicht miteinander reden können.

Individualisierung
Dr. Widmer zeigte die Entwicklung vom Krankensaal mit acht Betten (1872) zum «Hotelzimmer» im Spital mit nur noch einem Bett (2015) auf. Er ist überzeugt, dass die Individualisierungswelle die Zweibettzimmer «wegspült». In seinen Augen ist das Schweizer Gesundheitswesen hervorragend auf schwer kranke und gleichzeitig unmündige Patienten ausgerichtet. Doch: Noch nie waren die Rentnerinnen und Rentner so rüstig, gut informiert und individuell wie heute. Deshalb gelte es, das Patientenbild kritisch zu hinterfragen.

De-Institutionalisierung
Aus den Anstalten (z. B. Sonderschulen, Altersheime, Kreditanstalten) im 19. Jahrhundert sind im 21. Jahrhundert freiheitlichere Lösungen (z. B. Heilpädagogen in Regelklassen, Spitex plus, Online-Banking) entstanden. Die Entwicklung weitergedacht, heisst für den innovativen Querdenker: Hospital at home. Das Spitalbett der Zukunft wird das Schlafzimmer zu Hause sein. Das Spital wird künftig noch Operationssäle und Intensivstationen haben, aber kaum mehr eine Bettenstation. Es wird Teil einer integrierten ambulanten Versorgung sein. Die Zusammenarbeit mit Spitex und Hausärzten wird viel wichtiger. Pflegende und Spitalärzte werden künftig Hausbesuche machen.

Ökonomisierung
Das überproportionale Wachstum der Gesundheitskosten führt dazu, dass ökonomische Aspekte mehr Gewicht erhalten. Zwar gab es bisher viele Aktivitäten in der Gesundheitspolitik, doch sie machen offenbar keinen Unterschied. Dr. Widmer bezweifelt, dass sich eine Expertenorganisation mit Sanktionen steuern lässt. Er plädiert stattdessen für mehr Eigenverantwortung in finanzieller Hinsicht. Er ist überzeugt, dass die Kostenentwicklung gebremst werden könnte, wenn die Nachfrager mehr Leistungen selber bezahlen müssten und die Solidarität nur noch dort zum Tragen käme, wo die Eigenverantwortung überfordert ist. Sein Vorschlag: Eine einkommensabhängige Franchise als Lösung zur Reduktion der Überversorgung.

Digitalisierung
Die Digitalisierung führt zu einer Machtverschiebung: Die Gesundheitsdaten werden künftig beim Patienten und nicht mehr beim Arzt sein. Mit dem Smartphone wandert die medizinische Diagnostik in die eigene Hosentasche. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient wird viel gleichberechtigter sein. Ärzte fungieren mehr als Berater, Vermittler und Unterstützer. Dr. Widmer empfiehlt daher etwa, bei eHealth oder beim Elektronischen Patientendossier aktiv mitzumachen, das Smartphone für die Kommunikation mit dem Patienten zu nutzen, medizinische Daten den Patienten zukommen zu lassen, Beratung bei der Interpretation der Daten anzubieten und das Wissen der chronisch kranken Patienten in die Diagnose und Behandlung miteinzubeziehen.

Medizin
Dr. Widmer ist überzeugt, dass die Spitalstruktur eine Brücke bilden muss zwischen der spezialisierten Struktur der medizinischen Fakultät und den multimorbiden Patienten.

Gegentrends und das Sterben als weitere grosse Welle

Die Diskussionsrunde bestätigte viele Trends. Etwa, dass es in Zukunft Generalisten braucht, die Patienten beraten können. Es kam aber auch der kritische Einwand, dass es auch Gegentrends gibt. Etwa bei der Individualisierung oder der De-Institutionalisierung. Ausserdem wurde eine weitere grosse Welle auf das Tapet gebracht: Das Sterben. Besonders im Zusammenhang mit der Babyboomer-Generation.

Wer mehr zu den aktuellen Dynamiken und Trends im Gesundheitswesen erfahren will, kann sich auf ein neues Buch von Dr. Werner Widmer und Co-Autorin Kathrin Schaffhuser freuen, das voraussichtlich im Frühjahr 2018 im Careum Verlag erscheinen soll. Der Berater hat bereits mehrere spannende Werke über das Gesundheitswesen verfasst, die im Careum Verlagsshop erhältlich sind.

Weitere Informationen

Widmer, W. (2016). Einführung in das Gesundheitswesen der Schweiz. Für Gesundheits- und Sozialberufe. Zürich: Careum Verlag.
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Pfister Lipp, E., & Widmer, W. (2014). Von Gesundheit, Krankheit und Geld. Ein Reiseführer für das Gesundheitswesen. Zürich: Careum Verlag.
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Widmer, W. (2011). Das Gesundheitswesen der Schweiz. Ein Überblick aus individueller, betrieblicher und gesellschaftlicher Sicht. Zürich: Careum Verlag.
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