Das «Uber- und Airbnb-Prinzip» – Erobert es die Pflege?

Digitale Marktplätze sind auf dem Vormarsch.  Uber oder Airbnb machen es schon länger vor: Die Nutzer bestellen spontan ein Uber-Taxi oder buchen eine Ferienwohnung über das Internet. Das Prinzip der Plattformökonomie ist inzwischen auch in der Begleitung, Betreuung und Pflege angekommen. Dies birgt Chancen und Risiken zugleich.

In einem Punkt waren sich die Podiumsteilnehmenden an der Abendveranstaltung «Das Uber- und Airbnb-Prinzip – Erobert es die Pflege?» – kooperativ von Careum Weiterbildung und Careum Forschung in Aarau durchgeführt – aber einig: Betreuung und Pflege können sich diesem Trend nicht verschliessen. Man muss sich damit auseinandersetzen. Neben kritischen Einwänden betreffend Qualität, Professionalität oder Arbeitsbedingungen gab es auch viele Stimmen, die durchaus Potenziale für die bessere Organisation etablierter Versorgungsformen in den digitalen Vermittlungsplattformen erkannten. Auch Moderator Prof. Dr. Ulrich Otto, Leiter Careum Forschung, wies in seiner Keynote darauf hin, dass sich durch die Digitalisierung neue Lösungsansätze ergeben, die durchaus einen wichtigen Beitrag leisten könnten.

Maximilian Greschke, Gründer und Geschäftsführer des Pflegemarktplatzes Veyo Pflege, zeigte den digitalen Plattformansatz für Pflege und Betreuung am Beispiel seiner Firma auf. Der Online-Marktplatz Veyo Pflege vernetzt Pflegebedürftige und deren Angehörige mit passenden Pflegerinnen und Pflegern. Die Pflege- und Betreuungshilfskräfte werden auf Stundenbasis vermittelt.  Als Vorteile strich Greschke etwa die besseren Arbeitsbedingungen hervor: Pflegehilfskräfte verdienen pro Stunde mehr, sind flexibel, müssen sich nicht um Abrechnung kümmern und können immer wieder zu denselben Pflegebedürftigen gehen. Transparenz wird mit einem Pflegetagebuch und einer Pflegebewertung geschaffen. Es werden zudem raffinierte Technologien und Algorithmen eingesetzt, um Nachfrage für die Anbietenden zu mobilisieren.

Gesundheitsökonomin Mascha Madörin sah Veyo Pflege nicht als Rückschritt gegenüber dem Status quo in der Schweiz an, sondern möglicherweise als  Verbesserung der privaten Home-Care-Industrie in urbanen Gebieten. Aus persönlicher Erfahrung hätte sie sich so etwas wie Veyo Pflege gar gewünscht.  Ein Problem sieht Madörin jedoch darin, dass ein grosser Teil der Care-Arbeit in der Schweiz nicht obligatorisch versichert ist. Und wer kann das schon aus eigener Tasche bezahlen? Die ambulante Pflege in der Schweiz bezeichnete Madörin generell als unterfinanziert und überreguliert. Statt nach Leistung müsste eigentlich nach zeitlichem Aufwand abgerechnet werden. Ohne die unbezahlte Pflege- und Care-Arbeit, die durch Angehörige erbracht wird, wäre eine Versorgung kaum möglich.

In der Podiumsdiskussion und den abschliessenden Kommentaren wurde deutlich: Der Bedarf nach flexiblen und bezahlbaren Lösungen à la Uber in der Pflege besteht. Die Frage ist, wie die Politik und Verbände darauf reagieren werden. Und es gibt zentrale Fragen, die gelöst werden müssen: Etwa Die Qualitätssicherung der Dienstleistungen oder die Grundsatzfrage, wie sich der Stoff, aus dem Humandienstleistungen geschaffen sind – Beziehung und Interaktion –, wirklich verantwortlich organisieren lassen, wenn Plattformen und entsprechende Unternehmen ins Spiel kommen.

Eine herausfordernde Frage ist, ob es nicht gelingen müsste, den globalisierten und profitorientierten Plattformen so etwas wie «Platform Cooperatism» entgegenzusetzen – eine nicht minder leistungsfähige, aber gemeinwirtschaftlich, zivilgesellschaftlich und regional abgestützte Alternative. Angesichts der ungeheuren Dynamik, wie sie durch erhebliches Investitionsvolumen sowie dynamische Start-Up-Unternehmer – nach der Devise «the winner takes it all» – vorgegeben werden, wäre das allerdings eine Herausforderung, die ausserordentlichen Einsatz und Kooperation voraussetzen würde.

In einem Punkt waren sich die Teilnehmenden der Veranstaltung einig: Es ist dringend angezeigt, sich mit diesem Aspekt der Digitalisierung des Gesundheitswesens kritisch zu beschäftigen. Die Plattformökonomie könnte – wenngleich in der Schweiz verspätet – die Bemühungen um eine professionalisierte und qualitätsorientierte Betreuung und Versorgung schon bald ungeheuer aufmischen.

Weitere Informationen

Präsentationen und Abstracts von der Abendveranstaltung Das «Uber- und Airbnb-Prinzip» – Erobert es die Pflege?

Otto, U., Hegedüs, A., Kofler, A., & Kunze, C. (2017). Uber in der Pflege?: Plattformen mit Dienstleistungen in der Pflege und Betreuung. Krankenpflege, (3), 14–16. PDF

Blogbeitrag zum Thema Uber in der Pflege