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Ansprechstrukturen

Perspektivenwechsel und Grenzverschiebungen in der Grundversorgung

Titel AnsprechstrukturenGesundheit ist ein wertvolles Gut – für jeden Menschen und für die Gesellschaft als Ganzes. Weltweit sind die Staaten gefordert, mit einer robusten Primär- bzw. Grundversorgung professionelle Antworten auf die wichtigsten Gesundheitsanliegen der Bevölkerung zu geben.

In den Industrieländern wird aktuell die Grundversorgung neu definiert, weil sich das Gesundheitssystem in einem fundamentalen Umbruch befindet. Während der stationäre Sektor relativ gesehen an Bedeutung verliert (insb. kürzere Aufenthaltsdauer, minimal invasive Verfahren), gewinnen Versorgungs- und Betreuungsleistungen im weiten Feld des ambulanten Sektors u.a. wegen der Zunahme chronischer Krankheiten mit steigendem Bedarf an langfristig angelegter Betreuung an Bedeutung. Dabei wird immer entscheidender, wie der erste Kontaktpunkt der Bürger und Patientinnen sowie Patienten mit dem professionellen Gesundheitssystem ausgestaltet ist.

Ambulante Ansprechstrukturen

Weil dieses Handlungsfeld weit über die Hausarztmedizin hinausreicht, wird im Bericht der Begriff «ambulante Ansprechstrukturen» eingeführt. Gemeint sind damit die Strukturen des ambulanten Versorgungsbereichs, in denen Health Professionals bei dringlichen Erstkonsultationen und akuten Gesundheitsproblemen sowie bei der Betreuung chronisch kranker Menschen gegen Entgelt Leistungen erbringen. Es handelt sich um die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem, bei der die Bevölkerung bei Gesundheitsanliegen eine professionelle Antwort erhält.

Die Frage, wie zukunftsfähige, nutzerorientierte und zweckmässige Ansprechstrukturen an der front line of primary care auszusehen haben, wird weltweit diskutiert. Einige Leitfragen stehen dabei im Vordergrund: An wen können sich Menschen wenden, wenn sie mit einem akuten Gesundheitsproblem konfrontiert sind und professionelle Hilfe benötigen? Ist dieser Ort niederschwellig zugänglich oder bestehen organisatorische und finanzielle Hürden? Wie ist der Übergang gestaltet zwischen (kostenloser) informeller Pflege und Unterstützung durch Familienmitglieder oder Bekannte und den (bezahlten) Leistungen der Health Professionals?

Bericht Ansprechstrukturen

Der Bericht Ansprechstrukturen wirft einen Blick über die Landesgrenzen und zeigt, dass in den letzten Jahren in vielen Ländern neue Leistungserbringer zum Einsatz kommen, dass etablierte Grenzen bei Aufgaben und Zuständigkeiten verschoben und erweitert werden und dass sich neue Rollen und Organisationsmodelle entwickeln. Dieser Ausblick ist hilfreich, weil davon auszugehen ist, dass im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung der Gesundheitsmärkte innovative Grundversorgungsmodelle früher oder später auch im deutschsprachigen Europa Verbreitung finden. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass breiter angelegte Ansprechstrukturen eine Chance für die Hausärzte und -ärztinnen darstellen: sie reduzieren die Arbeitslast, erhöhen die Berufszufriedenheit und die Leistungsfähigkeit und sie verbessern das Zeitbudget für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Es geht nicht darum, die Ärzte zu ersetzen. Aufgrund des Bedarfs und der steigenden Komplexität werden Hausärzte und -ärztinnen auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Angesichts der Verknappung der ärztlichen Workforce ist die Grundversorgung jedoch ohne ein Shared-Care-Konzept und der funktions- und kompetenzgerechten Einbindung von nicht-ärztlichen Health Professionals längerfristig nicht machbar. Der Blick auf die internationalen Entwicklungen zeigt, dass Grundversorgung mehr ist als Hausarztmedizin und dass Hausarztpraxen nicht immer die zweckmässigste Ansprechstruktur bilden. Wenn die Last der Grundversorgung funktions- und kompetenzgerecht auf verschiedene Leistungserbringer verteilt wird, werden Versorgungsqualität und Patientensicherheit verbessert. Innovative Modelle haben ausserdem ein erhebliches Potenzial für Kostenreduktion und bessere Wirtschaftlichkeit. Zum einen sind die Lohnkosten tiefer, zum anderen werden weniger Folgekosten ausgelöst und es geht auf der Seite der Nutzerinnen und Nutzer wegen der reduzierten Wartezeiten weniger kostbare Arbeitszeit verloren.

Schon heute besteht ein breites und parallel angelegtes Leistungsangebot, welches Bürger und Patienten sowie Patientinnen nach Massgabe ihres Bedarfs, ihrer Kaufkraft und ihrer Gesundheitskompetenz zu nutzen beginnen. Im Markt etablieren sich neben Hausarztpraxen vermehrt auch andere Leistungserbringer und neue Strukturen wie Walk-in-Kliniken, Health-Call-Centers, Ambulatorien für spezifische Patientengruppen, Spitex on demand, high tech home care u.a.m. Gemeinsames Merkmal dieser Vielfalt von Angeboten ist «Convenience» – der unkomplizierte Zugang zu solchen Ansprechstrukturen.

Download:
Ansprechstrukturen - Perspektivenwechsel und Grenzverschiebungen in der Grundversorgung >>
Sottas B., Brügger S. (2012)

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