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Gesundheitskompetenz im Gesundheitswesen

Die Gesundheitskompetenz ist in weiten Teilen der Bevölkerung begrenzt; das zeigen vergleichbare Forschungsergebnisse aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Der Careum Dialog 2017 diente als Impulsveranstaltung, um gemeinsam Lösungsansätze, Strategien und Handlungsmassnahmen zu diskutieren.

Der Careum Dialog, der vom 2.–3. Februar 2017 zum ersten Mal im neuen Auditorium der Careum Stiftung in Zürich stattfand, brachte erneut hochrangige Teilnehmende aus den drei deutschsprachigen Nachbarländern Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen. Thema der Tagung war die Bedeutung der Gesundheitskompetenz für den Gesundheitssektor – Ziel war es, konkrete Anregungen mit nach Hause zu nehmen.
Die rund 80 hochkarätigen Gäste aus den Bereichen Gesundheitswesen, Bildung, Forschung, Wirtschaft und Politik diskutierten engagiert, kritisch und auch kontrovers. Einig waren sich alle: Gesundheitskompetenz ist ein wichtiges Thema, das es anzugehen und weiter zu fördern gilt – nicht nur in Bezug auf die Bürger und Patienten, sondern auch in Hinblick auf das Verhalten der Gesundheitsfachleute und der Gestaltung der Gesundheitssysteme. Eine gute Gesundheitskompetenz wirkt sich positiv auf die individuelle Gesundheit und Lebensqualität aus, stärkt das unabhängige Leben mit chronischer Krankheit, verbessert die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung und kann zur Reduktion von Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten führen. Dadurch lässt sich die Versorgungsqualität erhöhen, und es besteht das Potential, Gesundheitskosten zu senken.

Kein Randphänomen

Die Veranstaltung war eine gelungene Mischung aus Round Table-Diskussionen, Präsentationen von Gruppenergebnissen und Impulsreferaten. Am ersten Tag legten Prof. em. Dr. Jürgen Pelikan, Gesundheit Österreich GmbH (A), Prof. Dr. Doris Schaeffer, Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld (D), und Prof. Dr. Dr. Thomas Abel, Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern (CH), Erhebungsdaten vor. In allen drei Ländern ist eine limitierte Gesundheitskompetenz kein Problem von Minderheiten, sondern von einem grossen Teil der Bevölkerung. Zwar zeigen die Daten, dass ältere Menschen über 75 Jahre eher über eine geringere Gesundheitskompetenz verfügen, jedoch sind Schwierigkeiten auch bei den jüngeren Generationen festzustellen. Es gibt auch Unterschiede zwischen den Ländern: während in Österreich bei Frauen eine höhere Gesundheitskompetenz nachgewiesen werden kann, lassen die schweizerischen Ergebnisse keinen Hinweis auf ein Geschlechtergefälle zu.
Bestimmte Bevölkerungsgruppen, z. B. chronisch kranke und alte Menschen oder auch Migranten und Migrantinnen, brauchen besondere Massnahmen, um sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden, Hilfe zu beanspruchen und medizinische Anweisungen umzusetzen. Gerade bei Gruppen, die hohe Gesundheitskosten verursachen, kann mit einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz ein grosser Nutzen erzielt werden – bei den Betroffenen und bei den sie betreuenden Systemen. Die Ausgestaltung einer barrierefreien Grundversorgung war immer wieder Thema der Diskussion.

Gemeinsam an einem Strick ziehen

Durch die vergleichbaren Datenerhebungen ist es nun möglich geworden, evidenzbasierte politische Massnahmen einzuleiten. In einer weiteren Runde kamen die drei Staatssekretäre Pascal Strupler (CH), Lutz Stroppe (D) und Pamela Rendi-Wagner (A) zu Wort. Auf das relativ schlechte Abschneiden ihrer Länder in der HLS-EU-Studie hätten sie zuerst erstaunt oder erschreckt reagiert. Wie kann es sein, dass teure Gesundheitssysteme solch geringe Gesundheitskompetenz hervorbringen? Was machen andere Länder besser? Wie weit hängt dies mit den Gesundheitssystemen, dem Verhalten der Health Professionals oder insgesamt der Entwicklung der Bürgergesellschaft zusammen?
Auch wenn am Dialog erneut ein kräftiges Signal an Politik und Wirtschaft ging, war man sich einig, dass sich die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung nur durch die Allianz aller Partner verbessern lässt, wie Kranken- und Sozialversicherungen, Gesundheitsfachleute, Forschung, Ausbildung, Privatsektor, Berufsverbände, Patienten- und Selbsthilfeorganisationen. Aber auch das Patienten-Empowerment muss weiter gestärkt werden – hier kommt den Patientenverbänden und Selbsthilfeorganisationen eine grosse Bedeutung zu. Dazu gehören wichtige Themen wie Impfmüdigkeit und die Gefahr von Antibiotikaresistenz.

Der zweite Tag widmete sich der Wichtigkeit von Koproduktion beim Leben mit chronischer Krankheit. Dr. Jörg Haslbeck, Kompetenzzentrum Patientenbildung von Careum Forschung Zürich (CH), empfahl, Patienten- und Angehörigenerfahrungen im Versorgungsprozess vermehrt zu berücksichtigen. Der Zugang zu leicht verständlichen Fachinformationen sollte niederschwellig sein und diese sollten einfach in den Alltag integriert werden können.

Konkrete Handlungsempfehlungen

Wie können sich Patientinnen und Patienten und ihre Angehörige besser im System zurechtfinden? Wie werden sie zu mündigen Systempartnern? Wie lässt sich das System verändern, damit es nicht einem Dschungel gleicht, in dem sich Individuen verlieren?
In den Gruppengesprächen wurde mehrmals dafür plädiert, die Kommunikation zu verbessern, eine patientenfreundliche, klar verständliche Sprache anzustreben. Die Vermittlungskompetenz der Gesundheitsberufe sei noch stark ausbaufähig und das Erlernen solcher Fähigkeiten müsse in ihre Aus- und Weiterbildung integriert werden. Ein qualitatives Gespräch müsse nicht zwangsläufig länger und kostenintensiver sein.

Nicht immer sind Informationen im Internet verlässlich. Gesundheitskompetenz bedeutet hier auch, mit widersprüchlichen Empfehlungen umgehen und sich eine eigene Meinung bilden zu können (z. B. Massenscreenings bei der Brustkrebsprävention). Es gilt, die eHealth Literacy in der Bevölkerung zu verbessern. Auch elektronische Gesundheitsdossiers wurden als wichtiges Tool genannt, denn dies ermögliche die Kontrolle über die eigenen Daten.
Niederschwellige Angebote für Patienten und Angehörige sind anzustreben. Krankenhäuser sollten Selbsthilfe- und Patientenorganisationen in Planung und Prozesse einbinden. Handlungsbedarf wurde auch beim Ausbau von Patientenlotsen gesehen. Deren Hilfestellungen sollten sich jedoch nicht nur auf das Gesundheitswesen beschränken, sondern auf den Sozialbereich ausdehnt werden.
Die interprofessionelle Zusammenarbeit sollte nicht nur in der Medizin und Pflege gestärkt werden, sondern auch Primärversorger wie Angehörige miteinbeziehen. Die Vernetzung rund um die Patienten ist wichtig. Das System müsse patientenzentriert sein. Es braucht gemeinsame Werterfahrungen, Common Learning, gegenseitige Wahrnehmung, Fallbesprechungen, Case Management. Dies setze aber neue Modelle, andere Organisationsformen und Veränderungen der Machtverhältnisse voraus.

Working Papers

Die Ergebnisse der Dialoge werden einer breiteren Öffentlichkeit unter anderem als Careum Working Papers vorgestellt.


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