Anders Lernen – Lehren – Handeln

Die digitale Transformation verlangt einen Wandel im Bildungssystem der Gesundheitsberufe. Wichtig dabei: Co-Design, Train-the-Trainer-Konzepte, digitale Experimentierräume sowie jetzt zu handeln. So das Fazit vom Careum Dialog 2019.

Wie revolutioniert die digitale Transformation die Bildung der Berufe im Gesundheitswesen? Diese Frage stand im Zentrum des Careum Dialogs 2019. Rund 70 hochkarätige Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Österreich tauschten sich am 31. Januar und 1. Februar 2019 unter dem Leitthema «Anders Lernen – Lehren – Handeln» im Careum Auditorium aus. Darunter waren Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheits- und Bildungswesen, aus Wirtschaft, Ethik, Forschung, Recht, Informatik, Berufsverbänden und Think Tanks sowie Studierende, Patientinnen und Patienten.

Der Careum Dialog 2019 nahm Bezug auf die letztjährige Veranstaltung, in der gemeinsam eine Erklärung zur digitalen Transformation in der Pflege erarbeitet wurde. Dieses Mal lag der Fokus jedoch auf den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Bildung in den Gesundheitsberufen.

«Transformation durch Bildung»

In seinem Inputreferat veranschaulichte PD Dr. Sebastian Kuhn, praktizierender Oberarzt aus Mainz und Gründer von m3d.digital, dass digitale Kompetenzen für die Gesundheitsberufe in einer Welt von Dr. Google, Smart Devices und künstlicher Intelligenz in Patientenhänden essenziell sind. Plakativ formuliert: Der Arzt muss nicht mehr nur mit Skalpell und Stethoskop umgehen können, sondern auch mit Apps und Vernetzung. Allerdings ist dieser fundamentale gesellschaftliche Wandel in der Aus- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe noch nicht angekommen. Die Zukunft findet aber jetzt statt. Man kann es gut oder schlecht finden, aber man darf die Augen davor nicht verschliessen, findet der #Arzt, #Medizinpädagoge und #Digitalisierer. Daher plädierte er für eine «Transformation durch Bildung».

Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler von der Universität Osnabrück stellte in seinem Referat klar, dass es nicht nur neue Köpfe, sondern vor allem auch neue Konzepte in der Versorgung braucht. Als aktuelle Lösungsstrategien zählte er die Professionalisierung der Pflegeberufe, die Etablierung von Sorgegemeinschaften – sogenannte Caring Communities – und die Digitalisierung der Alltags- und Berufswelt auf. Innovation in Gesundheit und Pflege ist in seinen Augen nur möglich, wenn verschiedene Innovationsstränge im Handlungsfeld aufgegriffen und sinnvoll miteinander verbunden werden.

Prof. Dr. Sissel Guttormsen vom Institut für Medizinische Lehre an der Universität Bern warnte derweil vor zu viel technologischer Euphorie. Denn sie nimmt keine Rücksicht auf unser Gehirn. Unsere Hard- und Software verändert sich nicht so schnell. Auch in einer digitalen Welt müssen deshalb Struktur und Langsamkeit für ein effektives Lernen beachtet werden. Didaktik ist in ihren Augen wichtiger als Technik. Es braucht interprofessionelle und multidisziplinäre Zusammenarbeit.

Bildung anders denken

Von einer Bildungsrevolution kann noch nicht gesprochen werden. Das zeigte sich in der Paneldiskussion mit Sonja Ledl-Rossmann, Präsidentin des Tiroler Landtages, Prof. Dr. Andréa Belliger, Co-Leiterin des Instituts für Kommunikation und Führung in Luzern, Prof. Dr. Gregor Zünd, Vorsitzender der Spitaldirektion des UniversitätsSpital Zürich, und PD Dr. Sebastian Kuhn. Dafür dümpelt die Bildung zu sehr vor sich hin. Die Revolution findet nicht in den Bildungsinstitutionen statt, sondern die Studierenden suchen sich selbst Wege. Digital Health kommt nicht vom System, sondern von aussen. Der Markt treibt es voran.
Und was kann man vom Markt in Sachen Bildung lernen, fragte Co-Moderatorin Prof. Dr. Ilona Kickbusch, Stiftungsrätin von Careum. Es gibt einen Trend zu personalisierten Bildungsangeboten, on demand und seamless: zum Beispiel on- und offline. Die Customer Experience muss bei der Entwicklung im Zentrum stehen. Wir müssen die Bildung anders denken, war ein Anspruch aus der Diskussionsrunde.

Wenig Hoffnung in die Politik

Viel Hoffnung in die Politik setzte die Diskussionsrunde nicht gerade. Der Anspruch ist, dass die Politik kluge Rahmenbedingungen setzt, um den Dialog zu ermöglichen. So sollten Pilotprojekte für die Schulung von Multiplikatoren zeitnah erstellt, durchgeführt und agil angepasst werden, um Evidenz für spätere multiprofessionelle Mustercurricula zu schaffen. Die Zeit zum Handeln ist JETZT.
Eine eindrückliche User-Erfahrung präsentierte ein Betroffener, der seit seiner Jugend Diabetes hat. Dank einer von Betroffenen entwickelten App, welche die Insulinabgabe kontrolliert und steuert, hat er viel an Lebensqualität gewonnen. Seine Werte sind besser als zuvor. Weitere digitale Angebote und Konzepte konnten die Teilnehmenden an vier Markständen kennenlernen.

Nachwuchs: Mit uns funktioniert der Wandel

Auch der Nachwuchs kam am Careum Dialog 2019 zu Wort. Die sechs Studierenden verschiedener Gesundheitsberufe forderten eine Einbindung der jüngeren Generation. Für sie ist klar: Digital Health gehört ins Studium, nicht als eigenes Fach, aber integriert als Querschnittsthema.
Als Grundlage für die Dialogrunden diente ein von Expertinnen und Experten entwickeltes Working Paper. In wechselnder Besetzung diskutierten die Teilnehmenden 16 Handlungsempfehlungen und bearbeiteten diese kollaborativ. Eine digitale Abfrage zeigte, dass Co-Design gemeinsam mit den Endnutzenden, Train-the-Trainer-Konzepte für die Lehrenden und digitale Experimentierräume als besonders wichtig für die digitale Transformation in der Bildung erachtet werden. Sie erzielten in der Abstimmung die höchste Relevanz. Zur Sprache kamen aber etwa auch die Dringlichkeit, die nötige Agilität und der Gender-Gap zwischen der weiblichen Bildungswelt und der männlichen Digitalwelt.

Kurzversion des Working Papers

Die Inputs aus den Dialogrunden werden nun in das Working Paper einfliessen, wie Co-Moderatorin Dr. Sylvia Kaap-Fröhlich, Leiterin der Bildungsentwicklung bei Careum, erklärte. Einen ersten Überblick bietet die Kurzversion mit 11 Postulaten und 17 Handlungsempfehlungen. Die Endfassung soll dann im Frühling 2019 zur Verfügung stehen. Das Papier soll als Richtschnur der strategischen Ausrichtung und als Grundlage für die operative Umsetzung im Bildungssystem der Berufe im Gesundheitssystem dienen.


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