Schrittmacher Informationstechnologie

Gesundheitsberufe und IT: Das Careum Forum 2013 brachte Mensch und Technik zusammen.

Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sind im Gesundheitswesen ein Thema, das vielen unter den Nägeln brennt. Entsprechend angeregt waren die Diskussionen während und nach dem Careum Forum 2013 vom 27. August, das über 220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verzeichnete.

Den praxisnahen Einstieg ins Thema lieferte Dr. Roland Naef mit einigen Beispielen aus dem Spitalalltag. Der Bereichsleiter Applikationen & Services in der Direktion ICT am UniversitätsSpital Zürich zählte fünf Schlüsseltrends auf, mit denen man sich am UniversitätsSpital ganz konkret beschäftigt:

- Die verschiedenen ICT-Systeme innerhalb der gesamten Kette vom Zuweiser bis zu den Nachsorgern, aber auch der Lieferanten und der Pharmabranche sollen miteinander verknüpft werden, um die Kommunikation zu erleichtern. Der Fachbegriff dafür ist Business-to-Business-Integration.

- Durch mobile Geräte sind Informationen orts- und zeitunabhängig verfügbar. Telemedizin erlaubt es zudem, biometrische Daten wie Blutdruck und Puls von Patientinnen und Patienten auch zu Hause zu erfassen. Eng damit verknüpft sind allerdings Fragen des Datenschutzes.

- Patientinnen und Patienten sind dank Internet heute bereits vor dem ersten Kontakt mit Gesundheitsfachleuten gut informiert. Darauf müssen Spitäler reagieren, zum Beispiel indem sie Online-Patientenportale anbieten und Social Media berücksichtigen. Denn dies beeinflusst, wie eine Institution wahrgenommen wird.

- Informations- und Kommunikationsmittel sollen einfach zu benutzen sein. Statt komplizierter Multifunktionsgeräte sind simpel zu bedienende Apparate gefragt, die zu bestimmten Zeitpunkten genau die jeweiligen Bedürfnisse erfüllen.

- Zwar können heute grosse Datenmengen erhoben werden. Aber die Menge bestimmt nicht die Qualität. Daten müssen auswertbar sein, insbesondere wenn sie für Realtime-Analytik, das heisst für entscheidungsunterstützende Systeme, genutzt werden.

Systeme für mehr Sicherheit

Mirjam Meier, Projektleiterin Qualitätsmanagement und Patientensicherheit, und Sven Lorenz, Pflegeexperte und Fachleiter des Medizinbereichs Abdomen-Stoffwechsel, vertieften in der nachfolgenden Gesprächsrunde mit Roland Naef die Sichtweise der Gesundheitsfachleute auf ICT. Dabei zeigte sich, dass die Herangehensweisen stark vom Alter abhängen. Wer nach Mitte der 1980er-Jahren geboren ist, wuchs mit einer Vielzahl elektronischer Kommunikationsmöglichkeiten auf und beherrscht sie entsprechend anders als jene, die den Umgang mit digitalen Systemen erst im Erwachsenenalter lernen mussten. Die Unterschiede sind so deutlich, dass man differenzieren kann zwischen «Digital Natives» – Einheimischen in der digitalen Welt – und jenen, die in diese Welt erst immigrieren mussten, den «Digital Immigrants».

Mirjam Meier gab einen Einblick in das Berichts- und Lernsystem CIRS, ein Instrument, mit dem alle Mitarbeitenden kritische Ereignisse, die die Sicherheit der Patientinnen und Patienten betreffen, melden können. Das System unterstützt es, aus Situationen zu lernen, in denen nicht alles optimal lief. Über 1600 Meldungen pro Jahr zeigen, dass Mitarbeitende aus allen Bereichen CIRS nutzen. Ziel ist es, die Sicherheit zu erhöhen. Diesem Ziel dient auch das Patientenidentifikationsarmband mit Strichcode, da es eine zweifelsfreie Identifikation ermöglicht, auch dann, wenn der Klinikalltag hektisch und komplex ist. Sven Lorenz zeigte am Beispiel des Klinikinformationssystems KISIM, wie sich die Dokumentation des Pflegeprozesses verändert. Die optimale Anwendung des Systems verlange ICT-Kompetenz von den Pflegefachpersonen, meinte er. Es habe aber den Vorteil, dass überall im Spital auf die vollständigen Patientendaten zugegriffen werden könne. Die Folge sei ein Kulturwandel in der Pflege: weg von der Leistungserfassung mit Zeiteinheiten hin zur Diagnostik, die eine kritische Denkweise verlange. Auch die Risiken solcher Systeme erörterte die Gesprächsrunde. So sei es zentral, trotz aller Sicherheitssysteme mitzudenken und Angaben zu hinterfragen.

Der Faktor Mensch

Prof. Dr. Georg Kohler, emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Zürich, nahm diesen Faden in seinem Vortrag wieder auf. «Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt mit der Menschenwürde zusammenhängt», hielt er fest. Jede Chance berge auch Risiken. Damit verknüpfte Hoffnungen und Ängste müsse man bei allen Entwicklungen stets im Blick behalten. Denn jeder Schritt zu mehr Wissen führe auch zu neuen Fragen. Und mit jedem Versuch, Wissen praktisch anzuwenden, sei auch die Erfahrung des Nichtwissens verknüpft. Insofern sei der gesunde Menschenverstand gefragt, denn man dürfe unter diesen Bedingungen Entscheidungen nicht einfach den Computersystemen überlassen.

Gesundheit zu messen, sei im Grunde nicht möglich, sagte Georg Kohler. Sie sei stets subjektiv, zumal man es immer mit Individuen zu tun habe. Daraus folgerte er, dass Gesundheitsfachleute mit der Frage nach ihrer Autorität konfrontiert seien. Mündige Patientinnen und Patienten fordern dies ein. Wirklich mündig sei man aber nur, wenn man sich der eigenen Endlichkeit bewusst sei. Gerade diese Einsicht verlange deswegen vor allem eines: den Aufbau gegenseitigen Vertrauens.

Vertrauen bleibt die Basis

Die abschliessende Gesprächsrunde mit Patientinnen und Patienten zeigte, dass trotz aller Technologie Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. So erzählte eine junge Frau, die mit 20 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose erhalten hatte, dass danach ihre wichtigste Ansprechpartnerin ihre Neurologin gewesen sei. «Wer online nach Informationen sucht, riskiert eine Reizüberflutung», meinte sie. Das Vertrauen in die behandelnde ärztliche Fachperson sei ganz entscheidend, unterstrich auch Dr. Christoph Lotter, Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft. Online sei die Kompetenz gefragt, Informationen richtig einzuschätzen. Die MS Gesellschaft zum Beispiel stelle die Verlässlichkeit der medizinischen Informationen sicher, indem sie stets zwei Meinungen von Fachleuten aus unterschiedlichen Kliniken einhole.

Die MS Gesellschaft hat ein Facebook-Projekt aufgebaut, um das Thema Multiple Sklerose ins Gespräch zu bringen. Nicole Jolley, Bereichsleiterin IT, stellte es vor. Es gehe dabei vor allem um den Dialog, sagte sie. Das Ziel sei keine Beratungsplattform, sondern ein niederschwelliger Zugang zum Thema, sodass Diskussionen stattfinden können. Die erstaunlich hohen Nutzerzahlen zeigen, dass ein Bedürfnis besteht, Meinungen zu äussern. Selbstverständlich könne es dabei auch emotionale Reaktionen geben, sagte Nicole Jolley.

Die anregenden und angeregten Gesprächsrunden am Careum Forum 2013 hätten gezeigt, wie vielfältig die Berufswelt der Gesundheitsfachleute sei, hielt Prof. Monika Schäfer, Leiterin Careum F+E, in ihrem Schlusswort fest. Im Dialog entwickelten sich Impulse für die Zukunft des Gesundheitswesens. Oder wie es Hans Gut, Präsident der Careum Stiftung, formulierte: «Wir müssen immer wieder über unsere Nasenspitze hinausdenken.»


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