Interprofessionelle Teamarbeit als Antwort auf Komplexitäten

Der 15. Kongress des Netzwerks Case Management stand unter dem Motto Komplexität. Im ersten Referat «Können wir Komplexität überhaupt denken?» legte Martin Brasser dar, dass komplexe Systeme sich durch eine grosse Anzahl von Strukturelementen und einen hohen Grad an Nicht-Berechenbarkeit auszeichnen. Und da der Faktor «Überraschung» in einem komplexen System immer eine gewisse Rolle spielt, können wir ein solches Konstrukt genau aus diesem Grund nicht wirklich denken. Wir können nur verstehen, wie es zur Überraschung kommt. Dies vertiefte am Nachmittag René Anliker in seinem Forum «Case Management zwischen Rationalität und Intuition», indem er die Komplexität weiter charakterisierte und diese folgendermassen beschrieb: Sie zeichne sich durch viel Ungewissheit, unvollständige Informationen, unklare Risiken und eine grosse Koordinationsbereitschaft aus. Der Kopf arbeite oftmals dem Bauch entgegen und umgekehrt. Dabei basiere die Komplexität im Case Management sowohl auf rationalem als auch auf gefühltem Wissen. Die beiden gegensätzlichen Elemente «Vernunft» und «Intuition» seien gleichermassen wichtig, um eine Bewältigungsstrategie herleiten zu können.

Vernetzte Zusammenarbeit

Dr. med. Toni Berthel fokussierte am Beispiel der Integrierten Psychiatrie Winterthur Zürcher Unterland auf die interprofessionelle Teamarbeit als eine Antwort auf Komplexitäten. Bei einer komplexen Problemstellung z. B. aus Sicht der Sucht, bei der vielfältige ambulante Netzwerke involviert sind und verschiedenste gesetzliche Grundlagen zum Zug kommen, aber wo auch unterschiedliche Berufsleute mitwirken, ist ein integratives Behandlungsmodell von grosser Bedeutung. Das heisst weder Sisyphus, Herkules, noch irgendein ein Zaubertrank können Hilfe zur Heilung bieten, sondern nur eine vernetzte Zusammenarbeit unter den verschiedenen Anbieterinnen und Anbietern sowie deren Angebote.

Dass aber Hilfe wie eine materielle Existenzsicherung – wie sie beispielsweise von der Sozialhilfe angeboten wird – auch zweierlei Auswirkungen haben kann, zeigte Anita Nelson in ihrem Vortrag «Komplexe Fallsituationen in der Sozialen Arbeit – eine Multiperspektive Annäherung» auf. Im positiven Fall verhilft eine materielle Existenzsicherung der Klientin oder dem Klienten zu einer Stabilisierung seiner Situation oder sogar zu einem Kompetenzzuwachs. Im gegenteiligen, negativen Fall kann aber auch eine Stagnation eintreten, welche sich zu einer Krise weiterentwickeln kann, und die selbstredend keine Verbesserung der gegenwärtigen Situation herbeiführt.

Annäherung an Megatrends?

Sollten wir uns deshalb in Zukunft mehr den Megatrends annähern? Aber auch diese rufen wahrscheinlich wieder komplexe Szenarien hervor, meinte Dr. Beat Sottas, Stiftungsrat und Mitglied des Leitenden Ausschusses von Careum, in seinem Referat. Zum Beispiel würden in der Arbeitswelt 4.0 in der Gesundheitsindustrie auch humanoide Roboter eingesetzt. Es wäre dann aber nicht jedermanns Sache, wenn das professionelle Handeln durch Algorithmen ersetzt würde.

Während der Podiumsdiskussion wurde festgestellt, dass alle Referate die Finanzierung als Stolperstein für eine befriedigende Umsetzung thematisierten. Dennoch wurde festgehalten, dass man nicht warten könne, bis die Politik etwas ändern würde, sondern jeder einzelne Player sehr wohl schon jetzt den Blick auf eine Gesamtversorgung richten und seinen Beitrag leisten kann. Abschliessend kann gesagt werden, dass die Komplexität durch Case Management nicht reduziert oder erweitert wird, dass aber dank Case Management geeignete Lösungsstrategien aufgezeichnet werden können.

Careum war am Case Management Kongress doppelt vertreten: Schon zum vierten Mal trat die Careum Stiftung als Silbersponsor auf. Und dieses Jahr rundete Dr. Beat Sottas, Stiftungsrat und Mitglied des Leitenden Ausschusses von Careum, die Tagung am Nachmittag ab. Im Nachklang zur Tagung meinte er: «Das Case Management Netzwerk Schweiz hat interprofessionelle Schlüsselkompetenzen erarbeitet, welche den komplexen Situationen von Patienten wirklich gerecht werden. Dieser Ansatz hebt sich wohltuend ab von vielen anderen Bildungskonzepten, die vor allem monoprofessionelles Handeln von Einzelkämpfern fördern.»   

Text: Gabriela Hofstetter (Studierende an der Kalaidos FH, Modul Case Management)

Mehr zur Tagung lesen sie demnächst auf der Webseite vom Netzwerk Case Management Schweiz