Alterspflege: «ambulant vor stationär» greift zu kurz

Im nächsten Careum Colloquium ist ein Experte für Altersvorsorge und Gesundheitspolitik zu Gast: Dr. Jérôme Cosandey von der Denkfabrik Avenir Suisse wird im Careum Auditorium über die Herausforderungen der Altersversorgungskette referieren. Der «Directeur romand» und «Forschungsleiter Finanzierbare Sozialpolitik» wird aufzeigen, dass ambulante Dienstleistungen (Spitex) und stationäre Einrichtungen (Pflegeheime) je nach Pflegebedarf sehr wohl komplementär sind und nicht gegeneinander aufgespielt werden sollten. Zudem können Tagesstrukturen einen sinnvollen Mittelweg und eine wichtige Entlastung für das System, die Patienten und ihre Angehörigen bieten.

Die Veranstaltung findet von 16.30 Uhr bis 18.00 Uhr im Careum Auditorium statt. Sie haben die Möglichkeit, sich während des Colloquiums aktiv einzubringen und Fragen zu stellen. Im Anschluss können Sie sich während eines Apéros im Foyer des Careum Auditoriums auch persönlich mit Dr. Jérôme Cosandey und anderen Teilnehmenden austauschen.

Anmeldung

Melden Sie sich gleich hier für das Careum Colloquium an. Anmeldeschluss ist am Montag, 5. November 2018.


Veranstaltungsdetails

Ort: Careum Auditorium, Pestalozzistrasse 11, 8032 Zürich (ZVV-Fahrplan, Google Maps)
Datum: Montag, 12. November 2018
Zeit: 16.30–18.00 Uhr, anschliessend Apéro im Foyer
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Wir können nicht alles digitalisieren

Der 16. Case Management Kongress hat sich mit den Chancen und Gefahren der Digitalisierung und der Flexibilisierung der Arbeitswelt befasst. «Wir müssen mitdenken und mitmachen», lautete eine Kernaussage aus der Podiumsdiskussion in der Welle in Bern. Es wurden diverse Vorträge rund um Trends und Themen der Zukunft sowie ihren Herausforderungen angeboten.

Einen Blick in die Zukunft der Schmerzbehandlungen und Prävention bot Dr. Oliver Christ von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er zeigte mithilfe von Virtual Reality moderne Therapien auf. Weiter ging es mit digitaler Unterstützung im Haushalt: Michael Lehman, Leiter des Living Labs in Biel, stellte mit grosser Begeisterung seine aktuelle Forschung vor. Er und sein Team haben eine Lebenswelt kreiert, genauer gesagt ein Haus mit einem älteren Ehepaar – den Brönnimanns. Herr Brönnimann ist an Demenz erkrankt. Seine Frau Elisabeth ist schon etwas unsicher auf den Beinen. Wie kann Digitalisierung die Brönnimanns nun im Haushalt unterstützen? Kann sie vielleicht eine pflegerische Tätigkeit ersetzen oder eben nicht? Die Ideen des Forschungsteams, wie zum Beispiel ein digitaler Kleiderschrank, regten zum Nachdenken, aber auch ein wenig zum Schmunzeln an.

Wo sind die Grenzen der Digitalisierung?

Am Mittag standen diverse Foren zur Verfügung. Zum Beispiel zum elektronischen Patientendossier, das schon bald jeden von uns vor die Entscheidung stellen wird: Möchte ich meine privaten Daten in digitaler Form an ausgewählte Personen weitergeben, damit der Informationsfluss gewährleistet wird?

Wo ist die Grenze in der Digitalisierung zu ziehen? Gibt es denn eine und stimmt diese für uns alle? Auch dies bot viel Gesprächsstoff am Case Management Kongress. Spannende Beispiele aus dem Leben von Herzchirurg Prof. Dr. Dr. Thierry Carel vom Inselspital Bern zeigten die ethischen Fragen infolge von Digitalisierung auf. «Es braucht Politik in der Forschung, und die hinkt hinten nach», lautete ein Statement. Zusätzlich erhielten die Teilnehmenden einen Einblick in die aktuelle Forschung: Wohin geht diese in der Medizin und was bedeutet dies für Case Manager?

Am Schluss waren sich alle einig: Wir können nicht alles digitalisieren. An erster Stelle muss immer der Patient als Individuum mit seinen eigenen Wünschen und Gefühlen stehen. Dies geht eben auch in einer digitalen Welt oft nur durch direkten Augenkontakt.

Bild und Text: Larissa Kallen und Fabienne Kohler (Studierende der Kalaidos Fachhochschule)

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Netzwerk Case Management Schweiz


Neue Wohnformen im Alter

Am internationalen «Tag der älteren Menschen» (1. Oktober 2018) lud Pro Senectute Kanton Zug zu einer Filmvorstellung und einer animierten Podiumsdiskussion ein, u. a. mit Prof. Dr. Ulrich Otto (Leiter Careum Forschung). Ziel war es, über verschiedene Wohnformern im Alter zu diskutieren.

Foto: Michael Gaida/Pixabay

Alternative Wohnformen im Alter: Rund 100 Personen nahmen an der kostenlosen Veranstaltung  der Pro Senectute Kanton Zug teil. Gemeinsam schauten die Seniorinnen und Senioren den Spielfilm «Si on vivait tous ensemble?» (Deutscher Titel: «Und wenn wir alle zusammenziehen?»), der auf lockere Art und Weise das Thema des gemeinsamen Wohnens  – im Film in Form einer Alters-WG – behandelt.
Danach stellt Moderatorin Sushma Patricia Banz (Leiterin Bildung und Kultur, Pro Senectute Zug) die Podiumsgäste vor: Kurt Landis (Leiter Alternative Wohnformen im Alter Kanton Zug), Tina Arndt (dipl. Architektin ETH SIA und Frau baut AG) sowie Prof. Dr. Ulrich Otto (Leitung Forschung Careum Stiftung).

Arndt erklärt, dass sie mit vier Frauen aus verschiedenen Berufen eine AG gegründet habe, die in erster Linie alleinstehende Frauen berät: «Durch unsere unterschiedlichen Berufe sind wir flexibel und verfügen über ein breites Know-How. Alleinstehende Frauen bewegen sich im Pensionsalter wegen verschiedener Faktoren vermehrt am finanziellen Limit. Wir finden mit alterstauglichen Einbauten und einfachen Abtrenn-Möglichkeiten für ein gemeinsames und spannendes Wohnen Lösungen. Die Wohnungen sind dabei so erschwinglich und zentral wie möglich.» Sie finde, dass das Thema der Wohnformen im Alter auch vermehrt politisch thematisiert werden müsse.

Prof. Dr. Ulrich Otto stellt klar: «Gemeinschaftliches Wohnen ist wirtschaftliches Wohnen! Um das grosse Sparpotential in Zukunft zu nutzen, braucht es Gruppen, die mutig Ideen und Lösungen für robuste Wohnformen präsentieren.» Weiter redet er von systematischen Wohnnachbarschaften als bereits existierende Wohnform, wo man sich gegenseitig wohn- und pflegetechnisch unterstützt. Landis findet: «Herausfordernd sind die hohen Landpreise im Kanton, weshalb auch vermehrt kleinere altersgerechte Wohnungen attraktiv werden.»

Quelle: Rückblick, Gemeinsam stärker – Neue Wohnformen im Alter, Website Pro Senectute

Lesen Sie dazu auch den Artikel Veranstaltung zu kreativen Wohnformen im Alter von Nils Rogenmoser in der Zuger Zeitung vom 2. Oktober 2018.


Gesundheitsstandort Privathaushalt

Menschen mit Krankheiten, Behinderungen und Gebrechlichkeiten leben in vielen Fällen zu Hause. Sie managen ihre Krankheiten oft selbstständig oder werden von Angehörigen unterstützt. Private Haushalte übernehmen damit eine ausserordentlich wichtige gesellschaftliche Funktion und sind eine massgebliche Stütze in der Gesundheitsversorgung. Ein trifftiger Grund, den wenig beachteten «Gesundheitsstandort Privathaushalt» zu stärken.

Spricht man von Gesundheitsversorgung, denkt man in erster Linie an ambulante und stationäre Einrichtungen, wie z. B. Spitäler oder Alters- und Pflegeheime. Dabei finden Betreuung und Pflege von kranken und alten Menschen grösstenteils zu Hause statt, in der Familie, im privaten Umfeld.

Dieser Umstand macht es nötig, die landläufige Vorstellung von Gesundheitsversorgung um den «Gesundheitsstandort Privathaushalt» zu erweitern. Dafür plädieren auch Prof. Dr. Iren Bischofberger und Prof. Dr. Ulrich Otto (beide Careum Forschung) in der soeben erschienenen Ausgabe von «fmc-Impulse: Integrierte Versorgung beginnt zu Hause».

Gesundheitsstandort der Zukunft

Der «Gesundheitsstandort Privathaushalt» steht, so Iren Bischofberger, immer noch im Schatten von Spitälern und Pflegeheimen und gilt in Fachkreisen als unspektakulär und uninteressant. Zudem wüssten viele Gesundheitsfachpersonen kaum, wie Patienten und Patientinnen zu Hause ihre Krankheit oder Behinderung zusammen mit ihren Angehörigen handhaben und mit den verschriebenen Therapien leben würden. Dies angesichts der Tatsache, dass die Zukunft gerade im häuslichen Setting liegt, unterstützt durch Digitalisierung und integrierte Versorgung – Stichwort: ambulant vor stationär! 

«Gesundheitsstandort Privathaushalt»: Mehr als bloss vier Wände

Ulrich Otto sieht den Privathaushalt als «zentralen Gesundheits- und Lebensort», als den «lebenslangen Bewältigungsort» von Menschen. Hier findet alles statt: von der banalen Erkältung über chronische und schwere Mehrfacherkrankungen bis oftmals auch das Sterben.

Gemäss Ulrich Otto ist der «Gesundheitsstandort Privathaushalt» deshalb weit mehr als vier Wände. Es ist der Ort, an dem Gesundheitskompetenz und sinnvolles Gesundheitsverhalten gelernt und dieses Wissen weitergegeben wird. An dem bestimmt wird, ob Gesundheitsförderung, Prävention und Resilienz Chancen haben – oder nicht. Und deshalb ist der Privathaushalt neben dem ambulanten und stationären Standort auch viel mehr als der dritte Standort – er ist eigentlich eher der erste. Deshalb gilt: Gesellschaft und Gesundheitssystem müssen, gemäss Otto, den Gesundheitsstandort Privathaushalt vermehrt qualifizieren und fördern.

Interessiert Sie das Thema? Lesen Sie hier den Volltext der Artikel.

 

 

 


Es gibt noch viel Potenzial für eine bessere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen

Ungenügend bis gut: Die Diskussion über Interprofessionalität fällt am Careum Forum 2018 kontrovers aus. Klar ist: Es liegt noch viel Potenzial für eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Fachleute im Gesundheitswesen brach.

Dr. Peter Berchtold erklärt Interprofessionalität am Careum Forum 2018. Foto: Stefanie Koehler

Interprofessionalität ist heute in aller Munde: Der Begriff hat seit Mitte der 90er-Jahre eine gewaltige Karriere hingelegt. Dies zeigte Dr. Peter Berchtold vom college M in seinem Inputreferat am Careum Forum 2018 anhand der Suchanfragen bei Google auf. Er bezeichnete den Begriff als Worthülse, die «für einmal aber nicht leer sondern übervoll ist». Er zeigte auf, dass eine auffallende Unbestimmtheit des Begriffes vorherrscht und dass interprofessionelle Zusammenarbeit als kommunikatives Vehikel dient, um unterschiedliche Ansprüche und Forderungen an das Gesundheitswesen zu stellen.

Trotzdem wagte Dr. Peter Berchtold einen Definitionsversuch: Interprofessionelle Zusammenarbeit ist dann gegeben, wenn gemeinsam etwas Neues entsteht, dass jeder Einzelne im klassischen Nebeneinander nicht hätte erreichen können. Denn Zusammenarbeit gab es schon immer. Dr. Peter Berchtold unterschied grundsätzlich drei Arbeitsformen: Das professionelle Arbeiten, das professionelle Miteinander und die interprofessionelle Zusammenarbeit – als Abweichung vom professionellen Miteinander. Zwar prognostizierte Dr. Peter Berchtold, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit noch zunehmen wird. «Doch es wird immer alle drei Arbeitsformen geben.» Er forderte zudem eine differenziertere Diskussion. Interprofessionalität ist nicht in allen Settings gleich. Auf der Notfallstation ist die Medizin wichtiger als die Diskussion, in der Palliative Care dagegen hat die Medizin nicht mehr viel zu bieten. Und wie sieht interprofessionelle Zusammenarbeit morgen aus? Für Dr. Peter Berchtold ist sie künftig nicht optional, sondern ein «normales» Ineinandergreifen unterschiedlicher Arbeitsformen.

Kontroverse Diskussion um Noten für Interprofessionalität

Damit war die Basis gelegt für die Diskussionsrunde mit FaGe-Weltmeisterin Irina Tuor vom Kantonsspital Graubünden, Dr. Ryan Tandjung, Leiter Abteilung Gesundheitsberufe vom Bundesamt für Gesundheit, Bettina Kuster, Direktorin Pflege und Medizinisch-Therapeutische Berufe am Kinderspital Zürich, und Patientenvertreterin Dr. Judith Safford, Director of Operations am Institut für Rheumaforschung. Moderatorin Dr. Sylvia Kaap-Fröhlich, Leiterin Careum Bildungsentwicklung, wollte von ihren Gästen wissen, welche Note sie denn heute für die interprofessionelle Zusammenarbeit der verschiedenen Fachleute im Gesundheitswesen verteilen würden. Dr. Ryan Tandjung stellte in quantitativer Hinsicht ein gutes Zeugnis aus. Dem widersprach Dr. Judith Safford aus eigener Erfahrung jedoch vehement: Note 3 – ungenügend! In einem optimalen interprofessionellen Setting wäre ihre Diagnose viel früher gekommen. Sie sah deshalb noch viel Potenzial für Verbesserung. Auch Bettina Kuster kam optimistisch betrachtet höchstens auf die Note 4. Irina Tuor gab derweil eine 4-5, allerdings auch mit viel Luft nach oben. Im Schnitt ist Interprofessionalität also heute höchstens Mittelmass. Eine beauftragte Person für Interprofessionalität in Schulen und Spitälern wollte aber trotzdem niemand installieren. Der Tenor: Interprofessionalität muss als Thema strategisch verortet, aber nicht von einer Person von aussen verordnet werden.

Gute Ansätze in der Ausbildung weiterverfolgen

Und wie sieht es in der Ausbildung aus? Werden Lernende und Studierende auf Interprofessionalität vorbereitet?  Irina Tuor erzählte, dass ihr vor allem die Einblicke in andere Bereiche wie Physiotherapie oder Diabetesberatung sehr viel gebracht hätten. «Ich habe immer etwas von den anderen lernen können.» Sie wünscht sich deshalb, dass in der Ausbildung noch mehr andere Bereiche involviert werden und Geräte von anderen Berufen ausprobiert werden können. Für Bettina Kuster ist klar: «Wir müssen auch lernen, miteinander zu arbeiten.» Das Verständnis füreinander hilft später bei der wertschätzenden Zusammenarbeit im Berufsalltag. Als gute Ansätze bezeichnete sie etwa die Zürcher interprofessionelle klinische Ausbildungsstation (ZIPAS) am UniversitätsSpital Zürich, für die kürzlich ein Probelauf stattgefunden hat. Das Ziel ist, dass dort angehende Ärztinnen und Ärzte sowie angehende Gesundheitsfachpersonen im Team Patientinnen und Patienten versorgen und dabei gecoacht werden. Sie erwähnte auch die Careum Summer School, die Lernende und Studierende aus den Bereichen Medizin und Gesundheit zusammenbringt. «Die Rückmeldungen sind positiv. Diese Ansätze müssen wir weiterverfolgen.» Dr. Ryan Tandjung ergänzte, dass die Relevanz von Interprofessionalität erkannt sei. Er warnte allerdings vor der Gefahr von Berufsaussteigenden, weil die jungen Leute nach der Ausbildung im Berufsalltag desillusioniert seien, weil sich das System noch nicht angepasst hat.

Dr. Ryan Tandjung wies auch darauf hin, dass es noch mehr Forschung für den Patientennutzen braucht. «Es ist zwar nett, wenn wir besser zusammenarbeiten, aber letztlich muss auch der Patient davon profitieren.» Er sei zwar überzeugt, dass Interprofessionalität den Patienteneinbezug und die Koordination verbessere sowie zu einer schnelleren Diagnose führe. «Dieser Zusammenhang muss aber noch besser aufgezeigt werden.» Und wie können die Patienten, die selber Experten ihrer Gesundheit sind, noch besser eingebunden werden? Dr. Judith Safford zählte dafür zwei Massnahmen auf: Elektronisches Patientendossier einführen und Digitalisierung effizient nutzen.

Welche Begriffe assoziiert das Publikum mit Interprofessionalität?

Auch die gut 80 Teilnehmenden konnten sich am Careum Forum in der Champions Lounge im Stade de Suisse in Bern interaktiv an der Diskussion beteiligen. Sie konnten in Gruppen alle Begriffe, die sie mit gelingender Interprofessionalität assoziieren, in eine digitale Wortwolke eingeben. Ausgenommen waren einzig die Begriffe «Zusammenarbeit», «miteinander» und «kommunizieren». Das Ergebnis präsentierte sich wie folgt (Link zum Ergebnis der Wortwolke):

Prof. Dr. Michael Gysi, neuer CEO der Careum Stiftung, zeigte sich derweil  in seiner Ansprache begeistert, dass das Careum Forum im speziellen Rahmen im Stade de Suisse in Bern gleich neben den SwissSkills 2018 stattfinden konnte. «Es ist sehr motivierend, die jungen Leute zu sehen, die sich unter anderem für Gesundheitsberufe interessieren.»

Weitere Informationen

Mehr Impressionen und Downloads vom Careum Forum 2018 werden in den nächsten Tagen auf www.careum.ch/forum18 aufgeschaltet.