Care-Migrantinnen in der häuslichen Versorgung
In der Betreuung pflegebedürftiger Menschen in ihrem eigenen Zuhause bildet sich ein transnationaler Arbeitsmarkt. In der Deutschschweiz sind es vor allem Frauen aus Deutschland und aus osteuropäischen EU-Ländern, die in den Privathaushalten arbeiten und meist auch dort wohnen. Careum F+E untersuchte in Projektkooperationen verschiedene Aspekte dieses Phänomens, das als Care Migration bezeichnet wird.
Der Bedarf an Betreuung und Pflege von kranken, behinderten oder hochaltrigen Personen steigt – sowohl in Heimen als auch in Privathaushalten. Die Gründe dafür liegen im demografischen Wandel und in der Zunahme chronischer Erkrankungen. Ein langes Leben und Fortschritte in der Gesundheitsversorgung sind Zeichen einer modernen Gesellschaft mit hohem Lebensstandard. Aber die hohe Lebenserwartung und neue Therapieformen bringen auch längere, anspruchsvollere Pflegeverläufe mit sich – unabhängig von Alter und Behinderung. Gleichzeitig werden Versorgungsarrangements vor dem Hintergrund der Leitmaxime «ambulant vor stationär» zunehmend in den häuslichen Raum verlagert.
Professionelle Pflege- und Betreuungsdienste sind zwar zentrale Akteure in der häuslichen Versorgung. Parallel dazu entwickelt sich jedoch ein transnationaler Betreuungsmarkt, in dem Care-Migrantinnen in Privathaushalten von pflegebedürftigen Personen arbeiten und oft als «Live-Ins» auch wohnen. Meist kehren sie nach einer vereinbarten Arbeitsphase in ihre Herkunftsländer zurück und tauschen den Dienst mit anderen Migrantinnen. Dies wird als «Pendelmigration» bezeichnet. Das Phänomen der Care Migration untersuchte Careum F+E in zwei Projektkooperationen aus Versorgungsoptik.
Care-Migrantinnen in der häuslichen Versorgung: Einschätzung der Spitex
Zwischen Dezember 2011 und April 2012 führte Careum F+E in Kooperation mit der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich ein Forschungsprojekt durch mit dem Ziel, Chancen und Herausforderungen der Care Migration aus Sicht der Spitex zu erschliessen. Die Untersuchung wurde mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden umgesetzt: Im Rahmen einer standardisierten Umfrage wurden alle 13 Zentren der Spitex Sihl und Limmat zur Anzahl der ihnen bekannten Haushalte mit Care-Migrantinnen befragt. Lediglich 13 Haushalte waren der Spitex zum Zeitpunkt der Umfrage bekannt. Unter anderem zeigte sich ein Bedarf nach Best Practice-Informationen für die Spitex-Organisationen.
Zur Einschätzung der Versorgungsarrangements wurden 17 leitfadengestützte Experteninterviews mit Spitexmitarbeitenden der Stadt Zürich sowie angrenzender Gemeinden und Kantone durchgeführt. Die Analyse ergab vier Spannungsfelder:
- sprachliche und kulturelle Verständigung
- Qualifikation und anspruchsvoller Arbeitsalltag
- Zusammenarbeit und Zuständigkeiten
- Auseinandersetzung und kulturelle Verständigung
Die durchgeführten Interviews sowohl mit Expertinnen und Experten als auch mit Angehörigen verweisen auf die Schwierigkeiten bei der langfristigen Finanzierung von Betreuung und Pflege zu Hause. Dabei zeigte sich auch eine relevante Rolle der Hausarztpraxis hinsichtlich der Akzeptanz und Unterstützung des Sorgearrangements. Grundsätzlich stehen Care-Migrantinnen nicht in direkter Konkurrenz zur Spitex, weil sie andere Dienstleistungsbereiche abdecken. Die Spitex nimmt die Zusammenarbeit mit Care-Migrantinnen vorwiegend als Miteinander wahr. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass kommunikative, koordinative, strukturelle und ethische Unklarheiten und Unzulänglichkeiten bestehen, die das Wohl des erkrankten Menschen wie auch der Care-Migrantinnen gefährden können. Entscheidend für die Versorgungsqualität sind faire Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung, weil sie grundlegend für das Wohlbefinden der Care-Migrantin und für die Lebensqualität der Betreuten sind.
Dossier «Haushalthilfe im Alter» der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich >>
Care Migration aus der Optik von Angehörigen und Expertinnen und Experten
In Kooperation mit dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan wurde die Studie «Transnationale Arrangements in der häuslichen Pflege» durchgeführt. Careum F+E untersuchte aus der Optik von pflegenden Angehörigen sowie Expertinnen und Experten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich die gesundheitspolitische Relevanz, das Ausmass sowie die Auswirkungen der Care Migration auf das Gesundheitssystem in der Schweiz. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Care Migration quantitativ in der Schweiz überschaubar ist. Eine Quantifizierung ist allerdings aufgrund mangelhafter statistischer Sichtbarkeit grundsätzlich schwierig.
Wesentliche Beweggründe, eine Care-Migrantin zu beschäftigen, waren für viele pflegende Angehörige der Wunsch nach dem Verbleib ihrer Nächsten zu Hause sowie nach Versorgungssicherheit und personeller Konstanz. Die Bezahlbarkeit der Betreuungsleistung spielte für ihre Entscheidung eine zentrale Rolle. Die Experteninterviews deckten strukturelle Schwächen in der häuslichen Langzeitversorgung in der Schweiz auf – sowohl bezüglich der auf dem Markt verfügbaren Dienstleistungsangebote wie auch der Finanzierungslogik. Insgesamt dokumentieren die Interviews politischen Handlungsbedarf zur Sicherstellung langfristiger häuslicher Versorgung, die für den Privathaushalt finanzierbar ist und dennoch faire Arbeitsbedingungen der Betreuenden ermöglicht. Es zeigte sich, dass ein hoher Bedarf nach Information und Beratung bei allen Akteuren besteht.
Materialien zum Download:
- Schlussbericht «Befragung der Spitex zur Situation in Privathaushalten mit Care-Migrantinnen» >>
- Präsentation von Karin van Holten an der Medienorientierung vom 5. Juni 2012 >>
- Präsentation von Anke Jähnke, Workshop am Swiss Congress for Health Professions, 31. Mai 2012 >>
- Abstract «Care Migration – Care Strategies and Cooperation in Swiss Households», Karin van Holten und Anke Jähnke, IGU Meeting Hamburg, 23.-25. August 2012 >>
- Abstract «Organizing and experiencing elderly care in a transnational setting», Karin van Holten, Eva Soom, International Symposium on Transnational Aging, 26.-27. September 2012 >>
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