Die «phygitale» Welt des Lernens

Analog oder digital? Nein, «phygital» heisst das Zauberwort. Was dies für den Unterricht bedeutet, erfuhren die Teilnehmenden an der Fachtagung des Careum Curriculumverbunds.

E-Books und Online-Prüfungen: Die Teilnehmenden konnten im Praxisteil der Fachtagung «Digital Skills für Lehrpersonen» selber digitale Hilfsmittel ausprobieren. Bild: Reto Schürch (Careum)

Kurt Söser entführte die gut 60 Teilnehmenden an der Fachtagung «Digital Skills für Lehrpersonen» in seine «phygitale» Welt. Gemeint ist die Verbindung von «physisch» und «digital». Passend dazu begrüsste der Mathematik- und Sportlehrer aus dem österreichischen Steyr, dessen Engagement den neuesten Trends der Informations- und Kommunikationstechnologie gilt, das Publikum nicht nur analog, sondern auch mit seinem digitalen Alter-Ego – einem Avatar.

Kurt Söser zeigte auf, dass das olympische Motto «citius, altius, fortius» (deutsch: schneller, höher, stärker) auch für die heutige Gesellschaft gilt. Die Digitalisierung wirkt als extremer Beschleuniger. Ein Beispiel: Brauchte es etwa noch 75 Jahre bis 50 Millionen Menschen das Telefon verwendeten, zog das Spiel Angry Birds in nur gerade 35 Tagen gleich viele Nutzer in seinen Bann. Und er erzählte etwa die Geschichte eines ehemaligen Schülers, der als Influencer mehr verdiente als sein Lehrer. «Influencer ist keine Krankheit, es ist real», sagte Kurt Söser. Diese Welt ist da. Sie bietet Chancen, Märkte, Berufe. «Die Schule muss sich dem stellen, aber auch entschleunigen.»

Mit Stift und Tablet analog und digtal lernen

Und wie sieht nun der «phygitale» Unterricht aus? Mit Stift und Tablet analog und digital lernen, individuell und vernetzt. Kurt Söser zeigte verschiedene Tools auf, die ein persönliches und individuelles Lernen ermöglichen. Zugleich ist man mobil: Man kann zeitlich- und ortsunabhängig miteinander arbeiten. Mittels Chatfunktion ist etwa auch eine Kommunikation ausserhalb des Klassenraums möglich. Doch braucht es dann überhaupt noch Schulen, wenn Lernen auch ohne Wände funktioniert? «Ja, damit die Menschen zusammenkommen können», so Kurt Söser. Und selbst wenn es mittlerweile fast für alles eine App gibt, für die Pädagogik gibt es dies noch nicht. «Es braucht weiterhin grossartige Lehrer. Sie haben einen wichtigen Beziehungsjob.»

Kurt Söser steckte mit seiner Faszination die Lehrpersonen im Publikum an. Er machte ihnen Mut, offen für Neues zu sein, Sachen auszuprobieren und Fehler zu machen. «Selbst wenn etwas nicht funktioniert, hat man etwas gelernt», so Kurt Söser. Er sieht dies als Selbstentwicklungsprozess. Er habe etwa bei Twitter mehr gelernt, als in jeder Weiterbildung.

Sechs Schritte für ein erfolgreiches Webinar

Raffaele Sciortino, Kursleiter und Digital Tutor aus Zug, bot in seinem Inputreferat einen kleinen Einblick in die Welt der Webinare. Die Bandbreite ist dabei gross. Sie reicht von einer einfachen Präsentation bis hin zum interaktiven Training. Die SWOT-Analyse überliess er mit Hilfe digitaler Tools gleich dem Publikum selbst. Auch Raffaele Sciortino setzte in Videosequenzen auf sein digitales Gegenüber. Dieses sorgte in einem schlechten Beispiel eines Webinars für viele Lacher im Publikum.

«Einfach einschalten und Powerpoint an» – das geht halt auch bei einem Webinar nicht. «Es ist wichtig, wie man es einsetzt. Es braucht ein didaktisches Modell», sagte Raffaele Sciortino. Die Verantwortung der Bildungsinstitution sah er darin, sich in der Flut von Möglichkeiten auf wesentliche Modelle zu konzentrieren. Seine sechs Schritte für ein erfolgreiches Webinar: Zielgruppenalyse, Struktur geben, Visualisierung der Inhalte, Übung macht den Meister, Webinar halten und Evaluation.

Workshops mit Praxisbeispielen

Gesundheitswissenschaftler Dr. Daniel Tolks zeigte derweil in seinem Referat über «Gamification» auf, warum spielerische Ansätze beim Lernen gut funktionieren. Danach waren die Lehrpersonen selber an der Reihe. Sie konnten im Praxisteil der Fachtagung vom Careum Curriculumverbund, dem neben dem Careum Bildungszentrum in Zürich auch das Berufs- und Weiterbildungszentrum für Gesundheits- und Sozialberufe in St. Gallen, das Bildungszentrum Gesundheit und Soziales in Chur und das Berufs- und Weiterbildungszentrum Sarganserland in Sargans angehören, selber den Einsatz von digitalen Hilfsmitteln erproben. Dabei lernten sie bei Marion Leu und Nadia Garcia von Edubase etwa die Funktionalitäten und den Mehrwert von E-Books besser kennen und konnten eigene Ideen für den Einsatz von E-Books im Unterricht entwickeln. Daneben erhielten die Teilnehmenden von Arletta Collé, Leiterin Bildungsgang HF medizinisch-technische Radiologie am Careum Bildungszentrum, und Roman Sutter, Projektleiter bei der Steag & Partner AG, auch Inputs zu Online-Prüfungen. Sie konnten auch gleich selber einen entsprechenden Test ausfüllen und sich gemeinsam zum Thema austauschen.